Meinung : …Uruguay

Sandra Weiss

Montevideo ist ein ruhiges Städtchen am Rio de la Plata. Wie gut das Linksbündnis Frente Amplio regiert sowie der Dauerstreit mit dem Nachbarn Argentinien um die Ansiedelung zweier Papierfabriken: Solche Themen beherrschen normalerweise die Schlagzeilen. Seit kurzem aber bewegen ein verrostetes Fernrohr und ein kriegerisch dreinblickender Bronzeadler die Uruguayer. Es handelt sich dabei um den Entfernungsmesser und die Insignie der „Graf Spee“ – jenem sagenumwobenen deutschen Panzerschiff, das nach einer abenteuerlichen Verfolgungsfahrt 1939 von seinem Kapitän in der Bucht von Montevideo versenkt wurde, damit die neueste Kriegstechnologie der Nazis nicht den britischen Feinden in die Hände fiel.

Mehr als 60 Jahre lang lag die „Graf Spee“ unbeachtet im schlammigen Wasser des Rio de la Plata und rostete vor sich hin. Nur eine Boje wies die Boote darauf hin, dass da in der seichten Fahrtrinne ein Hindernis umschifft werden musste. Vor zwei Jahren dann hat ein umtriebiger uruguayischer PR-Manager Sponsoren aufgetrieben, die ihm das Unternehmen „Bergung der Graf Spee“ finanzieren. Die Einzelteile, die bisher gehoben wurden, will das Investorenteam nun versteigern. Besonderes Interesse hat der Adler mit dem Hakenkreuz an den Füßen hervorgerufen. Bis zu 15 Millionen Dollar sollen Privatsammler bereits geboten haben.

Doch bisher kam kein Deal zustande. Denn der Plan rief die einflussreiche jüdische Gemeinde auf den Plan, die sich dagegen sträubt, dass Nazisymbole öffentlich zum Verkauf angeboten werden. „Diese Stücke gehören in ein Museum, wo der historische Kontext klar wird“, erklärt der Präsident des einheimischen Jüdischen Komitees, Ernesto Kreierman. „Wer außer Neonazis hat ein privates Interesse an solchen Gegenständen?“, gibt auch der Vorsitzende der Kommission für Nationales Kulturgut, Manuel Esmoris, zu bedenken, ein Gegner des „Ausverkaufs“ historischer Kulturgegenstände. Die wenigen überlebenden Besatzungsmitglieder der „Graf Spee“ waren sowieso gegen die Bergungsaktion. Und um die Sache noch komplizierter zu machen, hat auch die Bundesregierung Ansprüche angemeldet. Berlin betrachtet sich weiterhin als Eigentümer aller Schiffe, die im Zweiten Weltkrieg im Einsatz waren. Bis die uruguayische Justiz ihr letztes Wort gesprochen hat, dürften noch einige Jahre ins Land gehen. Vorerst steht der Entfernungsmesser weiter als beliebtes Fotomotiv am Hafen von Montevideo, der Adler ist in einer Hotellobby ausgestellt.

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