US-Finanzkrise : Das Ende des amerikanischen Traums

Der Sturz der USA in moralische und finanzielle Not geschah nicht über Nacht. Die Bush-Regierung hat die Verschwendung auf die Spitze getrieben und sowohl die Wirtschaft des Landes besudelt als auch dessen Ruf. Nun ist Washington pleite - und empört.

Ein Kommentar von Jacob Heilbrunn

Manassas, Virginia, ist ein Vorort von Washington DC. Es ist einer der stolzesten Flecken in Amerika, einer der wichtigsten Orte des Bürgerkriegs. Manassas ist Zeugnis des amerikanischen Traums, in dem das Gute über das Böse der Sklaverei siegt. Heute ist das anders: Manassas ist zum Symbol des amerikanischen Albtraums geworden.

Die vorstädtischen Eigenheime mit ihren grünen, kurzgeschnittenen Rasen und amerikanischen Fahnen, sind von Unkraut umgeben. „Zwangsvollstreckung“ steht auf den Schildern in der Nachbarschaft, weil die verschuldeten Besitzer ihre Häuser verlassen mussten. Tankstellen haben dichtgemacht, sogar der „Wendy’s“-Hamburgerladen ist pleite. Amerika ist so mittellos, dass die Tierheime mit verlassenen Hunden und Katzen überquellen – die Menschen können sich das Futter nicht mehr länger leisten.

Und Washington selbst? Während die Stadt weiter in Schulden versinkt, besteht die größte Veränderung darin, dass das Oberste Gericht zum ersten Mal seit Jahren wieder den Schusswaffenbesitz in der Hauptstadt erlaubt hat. Statt dass Amerika die Demokratie nach Bagdad bringt, wird die Hauptstadt zu einem Bagdad, wo die Bürger sich bewaffnen, um für ihre Sicherheit zu sorgen.

Dieser Sturz in finanzielle und moralische Not geschah nicht über Nacht. Seit mehreren Jahrzehnten weigert sich Amerika, in seine Infrastruktur zu investieren und hat von ausländischen Krediten gelebt – und dabei andere Ländern ermahnt, das amerikanische Modell zu übernehmen. Aber die Bush-Regierung hat die Verschwendung auf die Spitze getrieben und sowohl die Wirtschaft des Landes besudelt als auch dessen Ruf. Nun ist Washington total pleite, aber empört, dass ausländische Staatsfonds sich weigern, es mit jenen Petrodollar auszustatten, die ein Amerika, das sich für das Energiesparen nicht interessiert, auf verschwenderische Weise ins Ausland geschickt hat. Arroganz könnte leicht in Wut umschlagen.

Das einzige Exportgut, das Amerika mit Erfolg vertreibt, ist die Folter. Die „New York Times“ berichtet über neue Unterlagen, die zeigen, dass Außenministerin Condoleezza Rice und andere führende Regierungsmitglieder direkter eingebunden waren in das Ausarbeiten einer Folterpolitik als bisher eingeräumt. Symptomatisch für Amerikas neue Verzweiflung ist der erfolgreiche neue Film „Towelhead“ über eine 13-jährige arabische Amerikanerin, die versucht, sich in einem Land zurechtzufinden, das sie nicht wirklich versteht. Ihr Schicksal? Sie wird sexuell belästigt von einem ehemaligen Soldaten, der nebenan wohnt – eine Metapher für das, wofür Amerika inzwischen in der Welt und zu Hause steht.

Während sie zusehen, wie ihre Aktienpakete in den Keller gehen und die Regierung weitere Schulden aufnimmt, haben die Amerikaner das Gefühl, als würden sie finanziell vergewaltigt, als lebten sie in einem Dritte-Welt-Land. Der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stieglitz nennt das eine Version von „Regierungsvetternwirtschaft“. „Ich war bei der Weltbank und sah, was während der Rettung von Mexiko passierte und wie das die Ungleichheit vergrößerte.“

Amerika wird wie Mexiko. Die Reichen werden weiter reich sein, während die Mittelschicht und die Armen darum kämpfen müssen, an Bord zu bleiben. Die Gefahr besteht, dass das Land sich politisch radikalisiert: In den dreißiger Jahren forderten die radikalen Linken und Rechten, auch wenn sie nie an die Macht kamen, die Demokratie heraus. Der 11. September 2001 löste Emotionen aus, die von Hoffnungslosigkeit bis Wut reichten. Inzwischen ist das Land zu einer Fußmatte geworden. Schaffen Barack Obama oder John McCain einen neuen „New Deal“, der die ramponierte Mittelschicht wieder aufrichtet?

Im Augenblick jedenfalls ertrinkt der amerikanische Traum in einem Meer aus Chaos, Krise und Hilflosigkeit. Und jeder fragt bang: Wie will Amerika gegen jenen Sturm gewappnet sein, der uns noch bevorsteht?

Der Autor lebt als Publizist in Washington D. C. Gerade ist sein Buch „They knew they were Right. The Rise of the Neocons“ (Doubleday) erschienen. Aus dem Amerikanischen von Moritz Schuller.

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