US-Notenbank senkt Diskontsatz : Nervöse Zone

Fed-Chef Ben Bernanke macht den Aktienmärkten ein Geschenk - ein riskanter Kurs.

Henrik Mortsiefer

Ein Luftsprung der Erleichterung war am Freitagnachmittag auf den Kurstafeln der Börsen zu beobachten. Kaum hatte die US-Notenbank einen ihrer wichtigsten Zinssätze gesenkt, schnellten die Aktienkurse in die Höhe. Nach Wochen der Depression machte Fed-Chef Ben Bernanke den Aktienmärkten ein Geschenk: Er erleichterte es den Banken, sich mit frischem Geld einzudecken. Die von der Finanzkrise gebeutelten Anleger nahmen das Präsent dankbar an – und kauften Aktien wie in alten Zeiten (die einen Monat zurückliegen). Nachdem die Notenbanken den Markt tagelang mit Liquidität geflutet haben, setzte Bernanke eins drauf: Den irritierten Marktteilnehmern sollte nicht nur rhetorisch, sondern mit einer Änderung der Rahmenbedingungen bewiesen werden, dass die Zentralbank die Fäden in der Hand behält. Die Banken, so die Botschaft, dürfen sich als Motor des Kapitalismus auch in der Krise in Sicherheit wiegen. Nun ist noch eine Steigerung im geldpolitischen Drama möglich: eine Senkung des Leitzinses, wahrscheinlich im September. Und dann?

Die Betriebsamkeit im zentralen Nervensystem des Marktes erinnert an den Internethype. Notgedrungen senkte die Notenbank die Zinsen und stabilisierte den Markt. Fatal: Anschließend zog sie die Zügel nicht an, sondern versorgte Unternehmen, Konsumenten und Spekulanten mit immer mehr billigem Geld. Private und öffentliche Schulden explodierten, Spekulation trieb Vermögenspreise in fantastische Höhen, am Ende geriet alles ins Rutschen – wie jetzt der US-Immobilienmarkt.

Auch diesmal fährt die Fed einen riskanten Kurs. Investmentbanken und Hedgefonds, die mit ihrem Renditehunger das System destabilisiert haben, bekamen am Freitag erneut eine Freibrief. Anders als der New-Economy-Crash hat die Hypothekenkrise aber den gesamten Finanzmarkt infiziert. Ob es mit einer fortdauernden Geldspritze der Fed getan ist, ist fraglich. Weiter so – diese geldpolitische Devise wird bestenfalls in der Krise verpuffen. Oder, schlimmer noch, sie wird in eine neue Sackgasse führen.

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