Meinung : US-Raketenabwehr: Der Charme des Schirms

Malte Lehming

Wenn die Wissenschaft Fortschritte macht, freut sich der Mensch. Sich der Gefühlsmischung aus Stolz und Faszination zu entziehen, die sich nach Abschluss eines erfolgreichen Experiments einstellte, war schon als Schüler unmöglich. Später dann hockten die Jugendlichen gebannt vor dem Fernseher, als die Apollo-Raumkapsel auf dem Mond landete. Noch später ließ sich die Welt des Internets erkunden. Das Neue ist aufregend, es spornt an. So jedenfalls war es.

Die ersten Zweifel kamen mit der Entdeckung der Atomkraft auf. Seitdem gilt alles Neue als verdächtig. Nicht die Frage, wie es sich nutzen lässt, steht im Vordergrund, sondern wie es vor Missbrauch bewahrt werden kann. Der Mensch schadet sich mit seinen Erfindungen vor allem selbst: Diese Überzeugung hat sich in Europa allerdings weitaus stärker ausgebreitet als in den USA. In jener Naivität, die sich leicht als Dummheit verspotten lässt, wird dort das Neue bis heute als potenzieller Quell einer Veränderung zum Guten gepriesen. Egal ob es sich um gentechnisch veränderte Lebensmittel handelt, embryonale Stammzellen oder die Fähigkeit, eine Rakete abzuschießen, die in 8000 Kilometer Entfernung abgeschossen worden war, ist dabei zweitrangig.

Deshalb hat der am Wochenende vom Pentagon als "Volltreffer" gefeierte Test über dem Südpazifik die Kritiker des Raketenabwehr-Projekts in Europa, Russland und China laut, die in Amerika jedoch kleinlaut werden lassen. Das liegt vor allem daran, dass das Projekt selbst in den USA nicht umstritten ist. Unter der Voraussetzung, dass die Technik funktioniert und die globale Stabilität nicht leidet, hat dort keiner etwas dagegen, dass sich das Land schützen will. In Washington denkt man so: Weil das Ziel richtig ist, müssen wir es verfolgen und nebenbei versuchen, die Einwände zu entkräften. In Berlin, Paris und Brüssel denkt man so: Die Einwände sind so gravierend, dass es gar nicht lohnt, über das Ziel nachzudenken.

Die unterschiedliche Wahrnehmung verstärkt die Spirale der Missverständisse. Mit einer Machtdemonstration kurz vor dem Treffen der G 8-Gruppe in Genua etwa hat der Raketentest nichts zu tun. Dazu war allein schon das Risiko eines Misslingens zu groß. Übertrieben wäre es auch, durch die Gefährdung des ABM-Vertrages zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen das internationale Rüstungskontrollsystem ins Wanken geraten zu sehen. Der ABM-Vertrag wurde zwischen Washington und Moskau geschlossen. Das russische Nukleararsenal umfasst tausende Sprengköpfe. Die Bedrohungs- und Abschreckungsfähigkeit Russlands wird durch den Aufbau eines begrenzten US-Raketenschildes nicht beeinträchtigt.

Wenn sich Russland und China trotzdem gerade spektakulär ihrer Freundschaft versichern, dann hat das einen anderen Grund. Beide Länder haben verstanden, dass die Regierung Bush beim Thema Raketenabwehr erpressbar ist. Die Gleichung, die Zemin und Putin aufstellen, ist einfach: Wenn wir zwei ein bisschen mit den Säbeln rasseln, werden die Europäer, die wegen des Klimaschutzes ohnehin schlecht auf die USA zu sprechen sind, auch noch Angst um den Weltfrieden bekommen. Das wiederum wird die Bush-Regierung international weiter isolieren und den Preis in die Höhe treiben, den sie für den Aufbau eines Raketenabwehrschirms an uns zu zahlen bereit ist. Das größte Problem von Bush ist, dass er diesen Schirm zu intensiv will und zu schnell aufbauen möchte. Das nämlich macht ihn selbst verwundbar, nicht aber sein Land unverwundbar.

Die ersten Früchte ihrer harten Haltung beginnen China und Russland bereits zu ernten. Keiner spricht mehr davon, dass sie die Nato-Intervention auf dem Balkan torpedierten und Weltmeister im Handel mit Nuklearwaffen sind. Auch die Menschenrechtsverbrechen in Tschetschenien und Tibet werden nur mehr am Rande erwähnt. Ist da nicht seit Neuestem ein seltsam zufriedenes Lächeln auf den Gesichtern von Zemin und Putin, wenn sie über das amerikanische Raketenabwehrprogramm schimpfen?

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