Meinung : US-Regierung: Bekanntes Gesicht, gemischte Gefühle

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Viele Europäer waren sich während des US-Wahlkampfs ziemlich sicher, dass es im Grunde keinen Unterschied machen wird, ob George W. Bush oder Al Gore gewinnt. Dafür sprach ja auch einiges. Gore hatte sich seit Anfang der 90er Jahre kontinuierlich von links in die Mitte bewegt - und andererseits würde schon der bekannte Zentrismus der US-Politik dafür sorgen, dass unter Bush vieles anders aussehen und wenig anders sein würde. Gelinde Zweifel daran weckte die Berufung des Justizministers John Ashcroft, eines knallharten Konservativen, ein Sprachrohr der "moral majority". Zentrismus, gut und schön - aber Ashcroft ausgerechnet als Justizminister? Ist das nicht doch ein Signal für eine Radikalisierung der US-Politik? Nun hat Bush Donald Rumsfeld zum Verteidigungsminister gemacht - eine Wahl, die in Europa mindestens zwiespältige Gefühle wecken dürfte. Bush bleibt bei seinem Traditionalismus: Rumsfeld ist schon sehr, sehr lange im politischen Geschäft. Das dürfte die Europäer beruhigen. Allerdings ist er auch ein vehementer Verfechter des US-amerikanischen Raketenabwehrsystems NMD, das viele Europäer für gefährlich, weil rüstungsfördernd halten. Viele hoffen noch immer, das NMD technisch genauso wenig funktionieren wird wie Reagans "Star Wars". Aber was wenn doch? Dann gibt es ein transatlantisches Problem. Die in Washington kritisch beäugte EU-Eingreiftruppe plus NMD plus ein US-Verteidigungsminister, der genau das zu seiner Herzenssache macht - es kann gut sein, dass der Atlantik demnächst etwas breiter wird. Mit Gore wäre das nicht passiert.

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