US-Vorwahlen : Die Wahl der Welt

Starke, alte Demokratie: In Amerika beteiligen sich mehr Bürger als woanders an der Auslese des Regierungschefs. Geld allein ist da nicht entscheidend.

Christoph Marschall
Obama
Schauplatz zugige Turnhalle: Barack Obama begeistert in Iowa die Demokraten. -Foto: AFP

Amerikaner sind politisch desinteressiert, das ist ein gängiges Urteil. Sie ignorieren den Rest der Welt. Selbst wenn ihr Präsident gewählt wird, der mächtigste Politiker der Erde, beteiligen sich nur 50 Prozent.

Doch mit den heute beginnenden Vorwahlen zeigen sich die Stärken der ältesten Demokratie der Neuzeit. Nirgendwo sonst können so viele Bürger über die Auswahl des Spitzenpersonals mitbestimmen. Wo sonst spielen Parteigremien eine so geringe und die Wähler eine so große Rolle? Trotz Eis und Schnee werden sich wohl 250 000 Demokraten und Republikaner heute Abend in Iowa an der Auswahl des Präsidentschaftskandidaten ihrer Partei beteiligen. Ja, das sind nur etwa zehn Prozent der Wahlberechtigten. In Deutschland aber liegt der Vergleichswert im Promillebereich. Selbst wenn alle SPD- Mitglieder an der Urwahl des Kanzlerkandidaten teilnähmen – was sie nicht tun –, entspräche das nicht einmal einem Prozent.

Weil es auf die Bürger ankommt, reisen mächtige Senatoren wie Hillary Clinton, John McCain, Barack Obama seit Monaten kreuz und quer durch den Farmstaat Iowa und das kleine New Hampshire, wo am 8. Januar die zweite Vorwahl folgt. Sie sind sich nicht zu schade, selbst für kleine Versammlungen mit nur 50 Wählern ein, zwei Stunden zu opfern, und müssen sich den überraschendsten Fragen stellen: Zum Beispiel wollten Nachkommen von Einwanderern wissen, wie denn ihre Norwegenpolitik aussehen werde.

Direkter Kontakt mit den Themen und Nöten der Bürger, ehe sie für vier Jahre an die Schalthebel dürfen – so geht es dann über Wochen, bis alle 50 Bundesstaaten nach und nach abgestimmt haben.

Die Amerikaner haben wirklich die Wahl: Wo sonst findet man ein so breites Kandidatenfeld? Jeder, der genügend Spender und freiwillige Helfer für seine Ideen begeistert, um es unter die aussichtsreichsten acht bis zwölf Bewerber seines Lagers zu schaffen, hat Zugang zu den nationalen Fernsehdebatten. Kriegsgegner von links wie von rechts sind darunter; Politiker, die nationale Steuern abschaffen und die Bundesregierung auf ein Minimum reduzieren wollen, damit die Einzelstaaten und ihre Bürger wieder die Träger der Macht werden wie in den Gründungsjahren. Andere wollen den zentralen Sozialstaat ausbauen und eine Krankenversicherung für alle einführen.

Spielt nicht Geld eine zu große Rolle? Ja. Man braucht viele Millionen Dollar für eine aussichtsreiche Bewerbung. Aber Geld allein reicht nicht. Das zeigen die vergeblichen Versuche von Millionären, allein dank ihres Vermögens ein Mandat zu erobern. Erst die Mischung aus Massenunterstützung und Spenden führt zum Erfolg.

Doch wenn das US-Wahlsystem wirklich basisdemokratischer ist, warum konnte dann einer wie George W. Bush zwei Mal siegen? Nun, Amerika lässt mehr Menschen die Wahl. Doch auch Wähler sind nicht fehlerfrei.

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