US-Vorwahlen : Wir wollen Veränderung

Was die Vorwahlen über die amerikanische Psyche aussagen, erklärt die US-Journalistin und Pulitzerpreis-Trägerin Anne Applebaum.

Anne Applebaum

Als ich vergangenen Sommer in Neu Mexiko die Lokalzeitung „Santa Fe New Mexican“ in die Hände bekam, war darin von Hillary Clinton oder Barack Obama keine Rede. Im Fokus der Wahlberichterstattung des „New Mexican“ stand der allseits bewunderte demokratische Gouverneur des Staates, Bill Richardson, der damals noch im Rennen um die Präsidentschaft 2008 war.

Und es sah durchaus so aus, als ob er es schaffen könnte: Halb mexikanisch, fließend Spanisch sprechend, vierzehn Jahre Kongress- Mitglied, sechs Jahre Gouverneur, ehemaliger UN-Botschafter und Energieminister – Richardson war eindeutig der erfahrenste Kandidat auf demokratischer Seite. Er hätte, nach allen bekannten Gesetzen der Politik, Clinton, Obama und John Edwards abhängen müssen.

Hat er aber nicht. Das Gleiche gilt für ein halbes Dutzend anderer Politiker beider Parteien: Erfahrene Figuren des politischen Establishments, die eigentlich erfolgreiche Kandidaten hätten werden müssen, es aber nie wurden. Im Gegenteil, in den Umfragen des vergangenen Jahres haben durchweg Kandidaten am besten abgeschnitten, die – nach traditionellen Kriterien bewertet – vollkommen unwählbar sind. Um es noch deutlicher zu sagen: In einem „normalen“ Wahljahr hätte keiner der Kandidaten, über die wir seit der Iowa- Vorwahl reden, eine Chance gehabt. Es ist aber kein normales Wahljahr. Und deshalb lohnt es sich gerade heute, am „Super Tuesday“, an dem in 24 Staaten Vorwahlen stattfinden, über die Gründe dafür nachzudenken. Was sagen uns die Vorwahlen bis jetzt über die politische Stimmung in den USA? Was erwarten die Amerikaner von ihrem nächsten Präsidenten?

Natürlich muss man bei dieser Frage vorsichtig sein. Denn durch die Vorwahlen ist gerade eines deutlich geworden: dass Millionen von Amerikanern erst 24 Stunden vor der Wahl entscheiden, für wen sie stimmen. Und sie haben bewiesen, dass sie sich nicht mehr von ihren Landsleuten beeinflussen lassen. Im Gegenteil, man könnte fast meinen, die Wähler in New Hampshire hätten bewusst gegen jene gestimmt, die in Iowa gut abgeschnitten hatten. In einer solchen Atmosphäre sind alle Vorhersagen und Annahmen riskant.

Gleichwohl ist diese Sprunghaftigkeit meiner Meinung nach kein Zufall. Fast zum ersten Mal seit Jimmy Carters Wahl 1978 sind die amerikanischen Wähler in diesem Jahr auf der Suche nach einer radikalen politischen Alternative: nach Außenseitern, Eigenbrötlern, Menschen, die nicht nur anders aussehen und klingen als George W. Bush, sondern auch als das gegenwärtige Führungspersonal im Kongress. In diesem Jahr wollen die Amerikaner Politiker, die weniger spaltend, die weniger ideologisch, die weniger etabliert sind.

Man muss sich dazu nur John McCain anschauen: Ein Politiker, der immer wieder Positionen gegen die Mehrheit seiner Partei bezogen hat, jüngst bei Klimapolitik, Einwanderung und Wahlkampffinanzierung. McCain ist ein Mann, der jedes Jahr eine lange Liste mit verschwenderischen Regierungsprojekten veröffentlicht, von denen viele von seinen Republikanischen Parteigängern unterstützt werden: ein Mann, der aktiv mit liberalen Demokraten zusammenarbeitet und der, für einen amerikanischen Politiker, ziemlich still beim Thema Gott ist. Und das soll der führende Kandidat der Republikaner sein?

Die Demokraten präsentieren sich, je mehr sie für Barack Obama stimmen, als gleichermaßen unberechenbar. Obama scheint der erste Demokrat seit Jahren zu sein, der wirklich kein Interesse daran hat, den starken antikonservativen, antirepublikanischen Instinkt seiner Partei zu bedienen, und der es größtenteils vermieden hat, sich bei den traditionellen ethnischen und geschlechterpolitischen Fraktionen der Partei einzuschmeicheln. Statt sich als Kandidat der Schwarzen und Minderheiten zu empfehlen, präsentiert er die Vision eines Amerika, in dem Hautfarbe keine Rolle mehr spielt. Statt die „groß angelegte Verschwörung der Rechten“ (H. Clinton) zu attackieren, gebraucht er eine Sprache, bei der die amerikanische Verfassung und gleichzeitig die Liturgie der schwarzen Kirche durchklingt.

In einer solchen politischen Atmosphäre war Hillary Clinton gezwungen, ihre eigene Sprache abzuschwächen. Immer wieder erwähnt sie ihre Zusammenarbeit mit Republikanischen Senatoren, sie spricht unentwegt davon, „der anderen Seite die Hand zu reichen“, um „Dinge durchzusetzen“ und spielt gern jede gemäßigte Karte, die sie in die Finger bekommen kann. Für Hillary – das Symbol für die politische Bitterkeit der 1990er – ist das bemerkenswert.

Ich vermute aber, dass diese Atmosphäre nicht nur aus innenpolitischer Unzufriedenheit entstanden ist. Oft wurde angemerkt, dass Außenpolitik im klassischen Sinne bei den Vorwahlen so gut wie keine Rolle gespielt hat: Der Iran war weniger Thema als erwartet, Europa und Russland kamen in den Diskussionen fast nicht vor. Trotzdem bin ich überzeugt, dass das heute drängendste außenpolitische Thema – Amerikas Image, Ruf und Einfluss in der Welt – den bisherigen Wahlkampf geprägt hat. Was die Amerikaner in Wahrheit wollen, ist nicht nur ein Präsident, der das Land einen kann, sondern auch einer, auf den das Land im Ausland stolz sein kann.

Ironischerweise ist Obama der größte Begünstigte unseres Wunsches nach internationalem Respekt. Unbeeinflusst durch seine mangelnde außenpolitische Erfahrung, richtet er sich direkt an jene, die einen radikalen Imagewechsel wollen: „An dem Tag, an dem ich ins Amt komme, wird Amerika sich selbst anders sehen und die Welt wird Amerika anders sehen.“ Seine Hautfarbe erweist sich nicht als Nachteil, sondern als Vorteil: Nicht wenige wählen ihn, weil er diese Botschaft über Amerika in die Welt aussenden wird: Wir sind keine geschlossene, rassistische Gesellschaft, wir sind offen, was die Wahl unserer Politiker und auch unsere Außenpolitik angeht.

In vollkommen unterschiedlicher Weise befriedigen auch McCain – Kriegsheld, Sicherheitsexperte – und Clinton – ehemalige First Lady, welterfahren – den gleichen Wunsch. Kein Journalist wird Präsident McCain fragen (wie es Bush passiert ist), ob er schon mal im Ausland gewesen ist. Niemand wird Präsidentin Clinton um die Liste der Länder bitten, die sie bereist hat. Wir wissen, dass sie schon überall waren und alle getroffen haben. Wir werden sicher nicht alles mögen, was sie bei einer Pressekonferenz mit der deutschen Kanzlerin von sich geben – aber wir werden dabei wenigstens nicht mehr peinlich berührt sein.

Das heißt nicht, dass ich weiß, wer heute gewinnt, geschweige denn im November. Doch aus einem Grund war es bisher eine ungewöhnliche und aufregende Vorwahlzeit: Ausnahmsweise scheint der ausgelaugte, der immer wieder kehrende amerikanische Wahlkampfslogan „We want change!“ wirklich eine Bedeutung zu haben.

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