Meinung : US-Wahl: Leitartikel: Die Welt im Wartezimmer

Gerd Appenzeller

Amerika hat gewählt. Aber eben nicht nur Amerika. Wenn in den Vereinigten Staaten gewählt wird, dann geht es um eine Weltregierung. Die Zeit, in der wir auf das Ergebnis warten, zeigt das doppelt stark.

Denn wen hat Amerika sich - und uns - als Präsidenten gewählt? Die Nation, die letzte Supermacht, ist in sich gespalten. So gespalten, dass erst nochmaliges Nachzählen der im US-Bundesstaat Florida abgegebenen Stimmen Klarheit darüber verschaffen kann, wer der 43. Präsident sein wird, George W. Bush oder Al Gore. Nach der Auswertung aller Ergebnisse aus allen Bundesstaaten steht es patt. Ein atemberaubend enges Ergebnis! Florida entscheidet also. Auch wenn ein Kandidat nur einen minimalen Vorsprung von einigen hundert Stimmen hat - diesmal nimmt der Gewinner wirklich alles mit: die Präsidentschaft.

Bis zum Ende dieser zweiten Auszählung hält die Welt den Atem an. Tendieren die Börsen nach oben oder nach unten? Erleidet der Euro einen weiteren Schwächeanfall, oder gewinnt er aus dem amerikanischen Wahlergebnis neue Kraft? Steuert Amerika gegenüber der EU einen eher transatlantisch-offenen oder einen eher reservierten Kurs? Wir wissen es nicht, weil Amerika selber nicht so deutlich weiß, welcher Präsidentschaftskandidat der richtige Mann für die nächsten vier Jahre im Weißen Haus sein wird. Viele Themen, wie die Waffengesetze und die Abtreibungspraxis, sind nicht offen angesprochen worden. Das sind aber Themen, bei denen, wie sich jetzt zeigt, die Wähler wissen wollten, wie die Kandidaten denken - und sie sind doch ohne Wegweisung geblieben. Deshalb die innere Zerrissenheit des Landes. Mit ihr muss der nächste Präsident umgehen - wie immer er heißen wird.

Auch die Europäer wissen, dass es nicht gleichgültig ist, ob Gore oder Bush Wahlsieger sein wird. Beide stehen für sehr unterschiedliche politische Erwartungen und Haltungen. Von Bush wurde eine wirtschaftsfreundlichere Politik erwartet; das wäre gut für den Dollar und schlecht für den Euro. Auch die Aktienmärkte hatten Bush einen Bonus gegeben, weil sie für den Fall der Wahl von Al Gore mehr staatliche Interventionen in der Ökonomie fürchteten. Die europäische Politik hingegen neigt dem demokratischen Kandidaten zu. Denn die meisten EU-Staaten werden heute sozialdemokratisch regiert; die Ziele ihrer Regierungen in der Sozial- und Wirtschaftspolitik sind denen der US-Demokraten deutlich näher als denen der Republikaner. Spiegelverkehrt würden sich deutsche Christdemokraten über einen Wahlsieg Bushs freuen. Und Gore mit etwas mehr Zurückhaltung begegnen. Deshalb wurden gestern auch voreilige Glückwünsche für den neuen Präsidenten George Walker Bush um die Welt geschickt.

Entblößt hat sich, wer, wie der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Michael Glos, besonders forsch vorpreschte: Bushs Wahlsieg habe den Linkstrend in den westlichen Demokratien gestoppt, hatte Glos verkündet. Vor acht Jahren passierte Vergleichbares Bundeskanzler Helmut Kohl und dem britischen Premierminister John Major, als sie Präsident George Bush senior zur Wiederwahl gratulierten. Der verschnupfte Wahlsieger Bill Clinton hielt daraufhin die Europäer einige Wochen auf Distanz. So viel Wirkung wird Glos natürlich nicht erzielen.

Aber eines zeigt sich in dieser Wartezeit: Dass die Abhängigkeiten zwischen dem Rest der Welt und der letzten verbliebenen Supermacht stärker sind, als wir uns einbilden. Amerika hat gewählt - wir warten.

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