US-Wahlkampf : Hauptsache Kind

John McCain hat Aufsehen erregt mit der Nominierung einer Frau als Vizepräsidentschaftskandidatin für die Republikaner. Nun sorgt die unverheiratete, schwangere Tochter von Sarah Palin für großen Wirbel. Wird die Gouverneurin von Alaska für die Konservativen zur Belastung?

Christoph von Marschall

Amerikaner sind prüde, konservative Amerikaner übertreiben die Familienmoral – also wird die überraschende Neuigkeit vom Montagabend, so könnte man denken, die Wahlchancen der Republikaner mindern: Bristol Palin, die unverheiratete 17-jährige Tochter der Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin, ist schwanger.

Doch ganz so leicht ist es nicht. Die Enthüllung und die Reaktionen darauf verdeutlichen vielmehr die unterschiedlichen Wertvorstellungen der politischen Lager. Unter Konservativen hat Palin an Unterstützung gewonnen. Ihre Chancen, enttäuschte Anhänger Hillary Clintons für die Republikaner zu gewinnen, sinken dagegen.

Als Vorteil empfinden McCains Strategen die Nachricht gewiss nicht. Sie haben sie im Schatten von Hurrikan „Gustav“ öffentlich gemacht, damit sie wenig Aufmerksamkeit erzielt. Besser wäre es, Bristol wäre mindestens 18, verheiratet – und dann kommt das Enkelkind der Vizepräsidentin in spe.

Viel wichtiger für Republikaner ist aber das Bekenntnis zum Leben unter allen Umständen. Kinder sind ein Segen, auch wenn sie zur Unzeit kommen. Hauptsache, Bristol treibt nicht ab. Auch Mutter Sarah gehorchte dieser Moral. Ihren jüngsten Sohn trug sie im Wissen aus, dass er das Downsyndrom hat.

Viele Demokraten, voran emanzipierte Frauen, denken dagegen: Wie kann Sarah Palin Sexualkunde in der Schule ablehnen? Hier kann sie die Folgen mangelnder Aufklärung in der eigenen Familie sehen. Und wie kann man eine Minderjährige drängen, den Kindsvater zu heiraten und auf eine offene, selbstgestaltete Zukunft zu verzichten?

Die breite Masse der Bürger freilich wird da kein großes politisches Problem erkennen wollen. „Life happens“, drückte McCains Sprecher dieses Gefühl aus. So ist das Leben. Das kann jeder Familie passieren. Und auch in manchen Gegenden Deutschlands kann man von der älteren Generation – bis hinauf in die Familie des Bundespräsidenten – hören: Lieber ein unehelicher Enkel als gar kein Enkel.

Brisanter ist ein anderer Aspekt. Wann hat McCain es erfahren? Das betrifft nämlich Urteilsfähigkeit und Managementqualitäten eines potenziellen Präsidenten. Amerika will wissen, ob er zu spontanen, unvorbereiteten Entschlüssen neigt und Palin nominierte, ohne sie und ihre Familie gründlich unter die Lupe zu nehmen. Auch andere Neuigkeiten aus Palins Vorleben nähren diesen Verdacht.

Als Gouverneurin hat sie den Polizeichef gefeuert. Die Frage ist, ob aus Rache in einer privaten Vorgeschichte. Schon vor ihrer Wahl hatte sie diesen Polizeichef gedrängt, ihren Ex-Schwager, einen Polizisten, zu entlassen, der im Laufe der Scheidung von ihrer Schwester wüste Drohungen gegen die Familie ausgestoßen hatte. Der Polizeichef tat das nicht.

Und ihr Ruf als Kämpferin gegen öffentliche Verschwendung leidet. Sie bezahlte eine Lobbyfirma, um Bundesmittel in ihre Stadt zu lotsen. McCain behauptet, er habe das alles gewusst. Aber noch ein, zwei solche Überraschungen – und die Demokraten machen seine Urteilskraft zum zentralen Thema.

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