Meinung : US-Wahlkampf: Land ohne Helden

Robert von Rimscha

Nur noch zwei Wochen. Dann ist der Kampf vorbei. Dann wird gewählt. Dann werden gut 100 der 270 Millionen Amerikaner an den Wahlurnen über den Nachfolger Bill Clintons, über neue Senatoren und Abgeordnete entscheiden.

An Skurrilitäten hat es nicht gemangelt. Dies war der erste Wahlkampf seit 1940, in dem über die richtige Kriegsstrategie gegen Hitler gestritten wurde. Pat Buchanan, der Ex-Republikaner und Eroberer der Reform-Partei, hat das zum Thema gemacht. Doch Buchanan und Ralph Nader, der Grünen-Kandidat und wichtigste der Nicht-Etablierten, haben keine Chance. Auf Clinton wird entweder sein Vize Al Gore oder der Sohn seines Vorgängers, George Bush junior, folgen.

Da auch der Vize der Sohn eines Senators ist, stehen die USA plötzlich als ein Land da, das Politik dynastisch zu begreifen scheint. An Al Gore und George W. Bush ist allzu offensichtlich, dass da eine Erbengeneration antritt. Das langweilt das Volk. Große Themen, große Persönlichkeiten - sie sind weder gefragt, noch sind sie derzeit nötig. Folgt man Bertolt Brecht, der das Land für glücklich hielt, das keine Helden nötig hat, sind die USA derzeit im Himmel. Washington sucht einen Chefverwalter, der Kurs hält. Mehr nicht. Mehr ist auch nicht im Angebot.

Umso mehr mag es erstaunen, dass es Leute wie Lenni Steinhorn gibt. Steinhorn unterrichtet Kommunikationswissenschaften an der "American University" in der US-Hauptstadt und glaubt, dass dies die wichtigste Wahl seit 1968 ist. Der arrogant dröge Gore und der scheppernd wiehernde Bush, dem die "New York Times" gerade bescheinigt hat, auf das Thema Todesstrafe sei er "gruselig geil", als Epochenmacher? Doch, doch, es gibt schon gesellschaftliche Grundentwicklungen, die ein solches Urteil rechtfertigen.

Nach US-Lesart gibt es einen philosophischen Unterschied zwischen Bush und Gore. Bush will mehr Spielräume öffnen, Gore mehr Sicherheiten bieten. Das Erste wäre die klassisch-republikanische Ideologie der Staatsferne, das Zweite ist - europäisch. Unter Clinton ist Amerika ziviler, toleranter und kultivierter geworden. Espresso-Bars und Wein-Theken sind nur der oberflächliche Ausdruck für eine Gesellschaft, die vom Staat mehr Sicherheit verlangt, die soziales Mikromanagement durch gezielte Steuernachlässe akzeptiert, die ein neues Bildungsbürgertum als gutbezahlte Elite pflegt.

Nie war der Haudegen aus dem Wilden Westen so mega-out wie heute. Nie war es für einen US-Politiker so risikolos, quasi-europäisch über Steuernachlässe für die Ärmsten der Welt, über internationale Umweltprobleme und die Feintarierung der sozialen Sicherungssysteme zu reden.

Da dem allem gesellschaftliche Entwicklungen zu Grunde liegen, könnte auch George W. Bush nicht plötzlich "stopp!" rufen. Doch nur Al Gore würde diese schleichende Europäisierung aktiv vorantreiben. Die USA sind alt geworden, alt wie unser Kontinent, der alte.

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