US-Wahlkampf : Obama und der Faktor Schwarz

Barack Obama will US-Präsident werden. Doch zunächst muss er sich als Kandidat seiner Demokratischen Partei unter anderem gegen Hillary Clinton beweisen. Eine Entscheidung wird in South Carolina fallen: Denn Obama braucht "the black vote“.

Christoph von Marschall

Worte führen in die Irre. Was Freunde, Feinde und Medien über Barack Obama, den überraschenden Favoriten in der US-Präsidentenwahl 2008, sagen, ist stets schon im Ansatz ein bisschen falsch. Jedenfalls wenn sie sich knapp ausdrücken sollen. Er ist der unmögliche Kandidat, der sich der eindeutigen Typisierung entzieht. Ein Schwarzer? So sagt man. Tatsächlich ist er der Sohn eines schwarzen, muslimischen Gaststudenten aus Kenia und einer weißen christlichen Mutter aus Kansas. Geboren wurde er auf Hawaii: der Inselgruppe mitten im Pazifik, die noch weit mehr Schmelztiegel der Rassen ist als das US-Festland. Streng genommen ist er ein „Mischling“. Nicht schwarz, sondern milchkaffeefarben. Doch soll man solche Worte benutzen?

Amerikaner wischen die Einwände beiseite. Sie lieben die Klarheit, also die Vereinfachung. Für sie ist Obama schlicht „black“: ein Schwarzer. Oder „african american“, ein Afroamerikaner. Das Wort „Farbiger“ ist hier verpönt. Und „biracial“ ist beliebig, das könnte auch ein Halbasiate oder Halblatino sein.

Die USA brauchen die Eindeutigkeit auch, damit sie dem einen oder der anderen den Mantel der Geschichte umlegen können: Barack Obama wäre der erste Schwarze im Weißen Haus, nur 40 Jahre nach Aufhebung der Rassentrennung im Süden und der politischen Gleichberechtigung der Nachfahren der Sklaven. Er wäre die Vollendung der „Civil rights“- Bewegung. So wie Hillary Clinton als erste Präsidentin die Vollendung der Frauenbewegung.

Ein solches politisches Erdbeben wie Barack Obamas sensationell hoher Sieg in der ersten Vorwahl des Präsidentschaftsrennens in Iowa verlangt zudem nach einem Narrativ. Jetzt dominieren sogar deren zwei, die sich allerdings völlig widersprechen. Im Grunde haben die beiden Klischees vom guten und vom bösen Amerika Obama schon das ganze Jahr 2007 hindurch begleitet.

Die Mär vom guten Amerika geht so: Der Aufstieg dieses halbweißen, halbschwarzen Mannes aus dem rassenbunten Hawaii belegt: Die USA sind dabei, „postracial“ zu werden: eine rassenlose Gesellschaft, die Spannungen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Hautfarbe überwindet.

Das Klischee vom bösen Amerika besagt: Hass und Vorurteile sind lebendig wie eh und je. Ein aufgezwungener Toleranzkodex verbietet jedoch, sie offen zu äußern. Im Unterbewusstsein und in vielen Herzen sind sie weiter mächtig. Noch immer können sie Wahlen entscheiden.

Iowa und New Hampshire liefern für beides Anschauungsmaterial. Im wertkonservativen Mittleren Westen, der eine überdurchschnittlich weiße Bevölkerung hat, siegte der schwarze Aufsteiger Obama über die weiße Elitefrau Hillary. Für die USA war das der ultimative Beweis, dass eine dunklere Hautfarbe 2008 kein Hindernis mehr ist für den Weg an die Spitze. New Hampshire schenkte Clinton dagegen einen unerwarteten Erfolg. Und die jüngste Erklärung dafür muss Obama beunruhigen. Nicht Hillarys emotionaler Moment mit feuchten Augen am Tag vor der Wahl gab den Ausschlag, wie es noch in ersten Erklärung hieß – nicht diese menschliche Seite einer als kalt und berechnend geltenden Politikerin.

Mit zwei, drei Tagen Abstand stellen die Meinungsforscher vielmehr die Rassenfrage in den Vordergrund. Weniger gebildete und schlechter ausgebildete weiße Arbeiter hätten in höherem Maße als erwartet für Clinton gestimmt. Bei ihnen habe eine Mischung aus Angst vor sozialem Abstieg in wirtschaftlich angespannten Zeiten sowie überkommenen Vorurteilen gegen Schwarze den Ausschlag gegeben. Die Umfragen vor der Wahl hätten das nicht ausreichend berücksichtigen können, weil den Demoskopen schlicht das nötige Datenmaterial fehle. Es sei nicht so, dass diese Wählerschichten die Forscher über ihre Gefühle belügen. Sondern sie weigerten sich, auf Fragen zu den Rassenbeziehungen überhaupt zu antworten, schrieb, zum Beispiel, Andrew Kohout vom Pew Research Center in der „New York Times“.

Die Bedeutung der Rassenfrage in diesem Wahljahr – und speziell im Duell zwischen Obama und Clinton – wird noch komplexer, wenn man die Gefühle untersucht, mit denen Schwarze einen der Ihren auf dem Weg nach oben begleiten. Oder Angehörige anderer Minderheiten, die sich ebenfalls von der weißen Mehrheit diskriminiert fühlen. Diese Wähler – oder Nichtwähler – werden in den nun anstehenden Vorwahlen eine wichtige Rolle spielen. Am 19. Januar in Nevada werben Clinton und Obama um die Stimmen der „Hispanics“, wie die Einwanderer aus Mexiko, Mittel- und Südamerika heißen. Seit dem Spätsommer lässt Obama Werbespots auf Spanisch in Nevada schalten. Er präsentiert sich als Vertreter aller Minderheiten.

Strategisch noch wichtiger ist South Carolina, der erste Südstaat im Vorwahlkalender. Die Republikaner stimmen bereits am 19. Januar über ihren Wunschkandidaten für die Präsidentenwahl ab. Doch Amerika schaut auf die Vorwahl der Demokraten dort am 26. Januar. Wer bekommt „the black vote“, die Stimmen der Schwarzen – Clinton oder Obama? Es ist keineswegs so, dass Afroamerikaner automatisch für Schwarze stimmen. Und in diesem Duell schon gar nicht. Auch dahinter verbirgt sich eine komplexe Ballung widerstreitender Motive und Gefühle.

Vor einem Jahr, im Januar 2007, lag Clinton in Umfragen unter Schwarzen 60 zu 20 vor Obama. Sie war bereits eine nationale Figur, er dagegen noch nicht landesweit bekannt. Ihr halfen auch die Sympathien der Afroamerikaner für Bill Clinton, den viele den „ersten schwarzen Präsidenten“ nennen. Natürlich nicht wegen seiner Hautfarbe, sondern weil Bills Regierungsjahre eine Boomzeit waren und die Schwarzen weniger unter Arbeitslosigkeit litten.

Obama hatte sich zudem bis dahin kaum um die Unterstützung prominenter Schwarzenführer wie Jesse Jackson oder Al Sharpton bemüht. Aus gutem Grund. Obama ist ein neuer Typus von schwarzem Politiker und vertritt eine komplett andere Programmatik. Die klassischen Schwarzenführer stellen die Diskriminierung der Afroamerikaner seit der Sklavenzeit ins Zentrum und verlangen Entschädigung sowie spezielle Förderung. Sie traten als zornige Klientelpolitiker auf. Das ist der Grund, warum bisher noch nie ein Schwarzer so gute Aussichten hatte wie Obama, Präsident zu werden. Angetreten sind Afroamerikaner seit mehr als 20 Jahren bei jeder Wahl, doch immer chancenlos. Die Schwarzen stellen 13 Prozent der Bevölkerung. Warum sollten die übrigen 87 Prozent einen Mann zum Präsidenten wählen, der, zum Beispiel, ein milliardenschweres Reparationsprogramm nur für Schwarze wegen der Sklavenzeit fordert?

Obama will Afroamerikaner gewiss weiterhin gezielt fördern, etwa im Bildungssystem. Aber er will sie auch mehr fordern. Wenn Schwarze sagen, ihre Kinder zeigten nur deshalb schlechtere Schulleistungen, weil sie diskriminiert würden, akzeptiert er das nicht. Er kritisiert eine weit verbreitete Haltung unter afroamerikanischen Jugendlichen, dass Lernen „typisch weiß“ sei und „uncool“.

Als Hurrikan „Katrina“ 2005 New Orleans verwüstete, verloren vor allem arme Schwarze ihre Häuser. Die Hilfe der Bundesregierung ließ lange auf sich warten. Auch darin sahen traditionelle Schwarzenführer den Beleg für anhaltende Diskriminierung. Obama widersprach: Es lag an der Inkompetenz der Bush- Regierung, sagte er, aber „die Inkompetenz war farbenblind“.

Damit spricht er vielen Weißen aus dem Herzen. Unter Schwarzen bringen ihm solche Äußerungen zu Bildungswesen oder Hurrikanhilfe wenig Sympathie ein. Die weiße Oberschicht ist fasziniert von diesem neuen Typus des schwarzen Politikers, nicht die schwarzen Innenstadtghettos . Mit einer Faustregel kann man sagen: Je höher die Bildung und je höher das Einkommen eines Demokraten, desto wahrscheinlicher unterstützt er Obama und nicht Clinton.

Im Sommer 2007 erlebten die USA eine heftige Debatte, die auf Ausländer fast absurd wirken musste. „Ist Obama schwarz genug?“, fragten Wochenmagazine und Talkshows. Ein Sender für Schwarze berief sogar eine Expertenrunde dazu ein. Es ging dabei nicht um seine Hauptfarbe oder die seiner Mutter. Die Kernfrage lautete: Kann er glaubwürdig die Interessen der Afroamerikaner vertreten? Er ist in keinem Problemviertel mit Gewalt und Drogen aufgewachsen. Die Großeltern schickten ihn auf eine angesehene Highschool in Hawaii. Er promovierte an der Harvard Law School, ist seit 2004 das einzige schwarze Mitglied des US-Senats und hat jetzt auch noch gute Aussichten, Präsident zu werden. So einer, lautete der Argwohn unter Schwarzen, sei keiner mehr von uns, sondern habe längst mit der weißen Elite gemeinsame Sache gemacht.

Obama hat sich in dieser für ihn so kritischen Debatte bemüht, die Frage umzudrehen: Was ist falsch daran, wenn ein Schwarzer Karriere macht und auch bei weißen Wählern gut ankommt? Allein mit den Stimmen der Schwarzen kann niemand Präsident werden.

Ehefrau Michelle hatte weniger Geduld mit den Medien. „Stoppt diesen Nonsens!“, verlangte sie Mitte August 2007 in Zeitungen und Fernsehen. Man müsse bedenken, was diese Debatte in den Köpfen schwarzer Kinder anrichte. Wie sollen die es verstehen, wenn einem erfolgreichen Mann mit offenkundig dunklerer Hautfarbe vorgeworfen werde, er sei nicht schwarz genug? Solle das etwa heißen, fragte sie spitz, dass es typisch weiß sei, Karriere zu machen, und typisch schwarz, erfolglos zu sein?

Baracks Biografie ist eng mit dem Leiden der Schwarzen verbunden, erinnerte sie. Nach dem ersten Studienabschluss hat er eine einträgliche Wirtschaftskarriere ausgeschlagen und stattdessen Sozialarbeit in einem der ärmsten und gewalttätigsten Viertel Chicagos geleistet – für das bescheidene Jahresgehalt von 10 000 Dollar. Nach der Promotion in Harvard und der Wahl zum ersten schwarzen Präsidenten der „Law Review“ dort standen ihm alle Türen offen. Er entschied sich für eine kleine Kanzlei, die auf Bürgerrechtsfälle spezialisiert war.

Und auch das sagte Michelle: Er hat ein schwarzes Mädchen geheiratet, aus einer klassischen Chicagoer Unterschichtfamilie. Ihr Vater war ein einfacher Arbeiter in den Wasserwerken. Sie bekam dank ihres Talents die Chance zum Aufstieg, studierte in Princeton und promovierte drei Jahre vor ihrem späteren Mann an der Harvard Law School. Inzwischen ist sie Vizepräsidentin des Universitätsklinikums mit sechsstelligem Jahresgehalt.

Fünf Monate nach dieser aufwühlenden Debatte liegt Obama in den Umfragen in South Carolina durchweg vor Clinton, meist mit sechs bis acht Prozentpunkten. Ein Viertel der Einwohner dort sind Schwarze – und sofern sie überhaupt zur Wahl gehen, stimmen sie für die Demokraten. Je nach Wahlbeteiligung einzelner Gruppen stellen sie zwischen einem Drittel und der Hälfte der demokratischen Wählerschaft.

Clinton genießt weiter hohes Ansehen unter Schwarzen. Obama hat aber aufgeholt und sie wohl überholt. „The black vote“ – die Schwarzen als geschlossene Wählergruppe – gibt es längst nicht mehr. Auch dieser Begriff ist eine verständliche, aber zugleich falsche Vereinfachung der Medien. Junge Schwarze, die selbst Erfolg haben, stimmen wohl für Obama. Nostalgiker und Ältere eher für Hillary. Soziale Verlierer bleiben im Zweifel zu Hause. Und auch dies gehört zur Realität: Die Schwarzen in den USA sind längst nicht mehr nur Nachkommen der Sklaven. Die Zahl der Neueinwanderer und Flüchtlinge aus Afrika wächst. Sie nutzen die Aufstiegschancen, die Amerika bietet, weit erfolgreicher als die alteingesessenen Schwarzen – obwohl die Hautfarbe sie gleichermaßen benachteiligt.

Der Wahlkampf öffnet die Augen, wie sehr sich die Rassenbeziehungen verändert haben. Die Debatte um Faktor Schwarz war auch nötig, damit die Nation sich dieses Wandels bewusst wird. Die Stimme für einen Schwarzen ist nicht mehr von vornherein verloren. Obama leitet daraus das Versprechen ab, er werde die politische Landkarte dauerhaft verändern. Die Südstaaten sind seit langem in der Hand der Republikaner, weil die Schwarzen dort kaum wählen gingen. „Ich hole die Afroamerikaner an die Urnen“, sagt er. „Dann wählt der Süden demokratisch.“ Und, nebenbei, ihn zum Präsidenten.

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