US-Wahlkampf : Wendehälse

Von Bush zu Obama: Der US-Wahlkampf zeigt, wie rasch aus Übermut Zerknirschung werden kann.

Malte Lehming

Herr Easy ist gerade zu Besuch, zufällig zeitgleich mit seinem Präsidenten, George W. Bush, der sich im brandenburgischen Meseberg von Angela Merkel verabschiedet. Easy ist nicht sein richtiger Name, aber er könnte so heißen – oder auch Joe Sixpack. Auf jeden Fall gibt es diesen Easy, in der Realität wie als Typ. Er ist Amerikaner, weiß, männlich, etwa 45 Jahre alt, hat Familie, vertritt eher konservative Werte, ohne allerdings radikal zu sein. Zum letzten Mal war er vor ziemlich genau vier Jahren in Berlin. Damals standen ebenfalls Präsidentschaftswahlen an, und Easy unterstützte Bush.

Doch diesmal schimpfte Easy auf Bush. Der Präsident habe das Land durch Tricks, Lügen und Inkompetenz in den Ruin getrieben. Im Irak würden amerikanische Soldaten in einem Morast versinken, dabei habe Saddam Hussein gar keine Massenvernichtungswaffen gehabt. Auch der Afghanistankrieg fordere immer noch Opfer. „Das kann so nicht weitergehen“, sagte Easy. „Wir brauchen einen wirklichen Neuanfang.“ John McCain, der 71-jährige Republikaner, käme dafür allerdings nicht infrage, der sei zu stark mit der jetzigen Regierung verbandelt und ebenfalls für den Irakkrieg gewesen. Also werde er, Easy, für Barack Obama, den Demokraten, stimmen.

Easy lamentierte sich in Rage. Doch je länger er redete, desto stärker schossen die Erinnerungen von vor vier Jahren ins Gedächtnis, als dieser Mann noch ganz anders geklungen hatte, und bildeten einen seltsamen Kontrast. Damals war Easy vehement für den Irakkrieg gewesen, wie die große Mehrheit der Amerikaner sowie der Abgeordneten und Senatoren des Kongresses, aber die Frage der Massenvernichtungswaffen war nur ein Grund unter vielen, vielleicht nicht einmal der wichtigste. Im Vordergrund standen die emotionalen Nachbeben des 11. Septembers 2001. Demütigung, Schock und Wut: Daraus war ein nationaler Aktionismus entstanden, für den Afghanistan und Irak wie eine Art Blitzableiter funktionierten. Dann kamen die mysteriösen Anthrax-Briefe und die Horrorvorstellung, Saddam Hussein und Osama bin Laden könnten gemeinsame Sache machen. Frei vagabundierende Selbstmordattentäter, die über ABC-Waffen verfügen – das mochte unwahrscheinlich sein, aber alles Unwahrscheinliche war nach dem 11. September wahrscheinlich geworden. Gesteigertes Bedrohungsgefühl mischte sich bei Easy mit Tatendrang und Demokratisierungshoffnung.

Und Iraks Massenvernichtungswaffen? Bis zum Sommer 2004, als Easy das letzte Mal zu Besuch war, hatte ihn deren Nichtauffindung allenfalls irritiert. Ihm schien es plausibel, dass die Bush-Regierung von deren Existenz überzeugt war. Denn alle Welt wusste: Der Irak hat in den 80er Jahren Chemiewaffen hergestellt und im Krieg gegen den Iran eingesetzt. Er hat das auch später gegen die Schiiten und Kurden im eigenen Land getan. Gegenüber den UN-Waffeninspekteuren, die seit 1991 im Land waren, hielt Hussein sein Biowaffenprogramm geheim. Erst 1995 wurde es enttarnt. Anschließend begann zwar die Vernichtung der Bestände, aber als die Inspekteure 1998 das Land verließen, war die Vernichtung nicht abgeschlossen. Was aus den Resten geworden ist, weiß keiner, bis heute nicht.

Hatte Saddam diese Waffen heimlich zerstört? Hatte der Diktator grundlos die jahrelangen UN-Sanktionen gegen sein Land erduldet? Selbst UN-Chefinspekteur Hans Blix, beileibe kein Falke, äußerte noch am Vorabend des Irakkriegs die „starke Vermutung“, dass im Irak immer noch ungefähr 10 000 Liter Anthrax existierten. Der Verbleib von „Tausenden Tonnen biochemischer Waffen“ sei ungeklärt. Das deckte sich mit den Erkenntnissen vieler Geheimdienste.

Vor vier Jahren hatte Easy alles anders gesehen. Als Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz wenige Wochen nach Kriegsbeginn in einem Interview sagte, auf die Sache mit den Massenvernichtungswaffen habe sich die US-Regierung nur „aus bürokratischen Gründen“ konzentriert, stand zwar in Europa die Öffentlichkeit Kopf, nicht aber in den USA. Easy empörte sich auch nicht, als das Magazin „Newsweek“ im November 2003 eine Titelgeschichte brachte mit der Überschrift: „Cheney's Long Path to War“. Darin wird nachgezeichnet, welcher Manöver sich der Vizepräsident bedient hatte, um den Sturz Saddams zu erreichen. Und schließlich fand Easy es sogar witzig, wie fast alle Gäste an jenem Abend, als Bush Ende März 2004, anlässlich des jährlichen Dinners für Washingtoner Radio- und Fernsehkorrespondenten, eine Diashow über die vergebliche Suche nach den Massenvernichtungswaffen präsentierte. Ein Bild zeigt Bush im Oval Office. Dort kriecht er auf allen Vieren, um einen Blick unter die Möbel zu werfen. „Diese Massenvernichtungswaffen müssen doch irgendwo sein“, sagt er. Schallendes Gelächter. Ein weiteres Bild zeigt ihn, wie er in eine andere Ecke des Büros guckt. „Nee, auch hier nicht.“

Im November 2004, dem Tag der letzten Präsidentschaftswahl, war der Irakkrieg knapp 18 Monate alt, Massenvernichtungswaffen waren nicht gefunden worden, fast täglich starben US-Soldaten. Bush wurde trotzdem wiedergewählt. Sein Vorsprung vor John Kerry betrug in absoluten Zahlen rund 3,5 Millionen Stimmen. Für Bush hatten mehr Amerikaner gestimmt als je zuvor für einen anderen US-Präsidenten.

All diese Erinnerungen wurden wach, während Easy sich echauffierte. Er schien seine eigene Vergangenheit zu verleugnen. Wie auf Knopfdruck rasselte er die Thesen der Irakkriegsgegner herunter und schilderte die Bush-Regierung als eine Truppe idealistischer Missionare, getrieben von Paranoia und Gier, die die Muskeln ihrer hypermodernen Militärmaschinerie habe spielen lassen, weil sie nach einer Pax Americana strebe. Wie macht Easy das bloß? Vielleicht so: Er hat einfach die Seiten gewechselt. Der Krieg war für ihn nur ein Experiment, ein Spiel. Wenn’s schiefgeht, wird halt der Trainer gewechselt. Easy fühlt sich betrogen von seiner Regierung, weil nur dieses Gefühl ihn davor bewahrt, selbst in den Spiegel zu schauen.

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