USA : Alles andere, nur nicht Bush

Wird es erstmals ein schwarzer Präsident ins Weiße Haus einziehen? Oder wird eine Frau die Geschicke der USA lenken? 2008 wird die spannendste Wahl der jüngeren US-Geschichte. Ein Kommentar von Christoph von Marschall.

Christoph von Marschall

Noch drei Wochen und vier Tage: Dann ist die wohl spannendste Präsidentschaftswahl der jüngeren US-Geschichte offiziell eröffnet. Wenn die Berliner Mitte Januar aus ihren ungewohnt langen Winterferien zurückkehren, könnten die ersten Favoriten bereits gestürzt und die Weichen neu gestellt sein. Am 3. Januar, so früh wie noch nie, beginnen die Vorwahlen in Iowa. Am 8. Januar folgt New Hampshire. Am 5. Februar stimmen mehr als 20 Staaten ab – auch das ein Novum. Dann dürfte feststehen, wen die Demokraten und wen die Republikaner ins Rennen schicken.

Noch entziehen sich die meisten US-Bürger dem Wahlkampf. Sie wollen Weihnachten ungestört von der Politik feiern. Nach dem Fest wird die Kampagne das Land mit enormer Beschleunigung überziehen. Wer die Kandidaten rechtzeitig kennenlernen und die kommenden Entwicklungen verstehen will, sollte sich in der Weihnachtspause einen Überblick verschaffen.

Das klingt nach Arbeit, ist aber unterhaltsamer als früher. Nie zuvor hatten die Bürger eine so vielfältige Auswahl. Erstmals in Amerikas Geschichte hat eine Frau beste Aussichten, Präsidentin zu werden. Hillary Clinton ist die Favoritin 2008. In den jüngsten Tagen ist sie freilich zurückgefallen. In Umfragen in Iowa liegt ihr schärfster Konkurrent, Barack Obama, plötzlich vor ihr. Der 46 Jahre junge Senator aus Illinois wäre der erste schwarze Präsident. Er begeistert die Massen wie einst John F. Kennedy. Die Meinungsforscher des Instituts Zogby stellten auch überraschend fest, dass Hillary in der Hauptwahl gegen jeden der führenden Republikaner derzeit verlieren – Obama diese Duelle dagegen gewinnen würde.

Die Umfragen wechseln. Generell sind die Demokraten die Favoriten. Angesichts der Enttäuschung über Amtsinhaber George W. Bush liegen sie in der allgemeinen Sympathie etwa 60 zu 40 vor den Republikanern. Hillary Clinton hat jedoch ein persönliches Sympathieproblem. Sie hat die höchsten Negativwerte aller Bewerber, sie spaltet die Gesellschaft. Eine knappe Mehrheit findet sie gut, aber um die 40 Prozent sagen, sie würden niemals für sie stimmen. Sie gilt als zu berechnend. Dennoch, sie ist der Maßstab im demokratischen Feld. Wer ins Weiße Haus will, muss sie in den Vorwahlen schlagen. In diesen Primaries und Caucuses stimmen die Anhänger der Demokraten und der Republikaner Staat für Staat ab, wer für ihre Partei in der Hauptwahl im November antreten soll.

Die erste aussichtsreiche Frau und der erste aussichtsreiche Schwarze sind nicht die einzigen Premieren 2008. Bill Richardson, Gouverneur von New Mexiko, wäre der erste Latino-Präsident. Der Sohn mexikanischer Einwanderer wird es wohl nicht nach ganz oben schaffen, aber er wäre ein attraktiver Vizepräsident. Er kann die vielleicht entscheidenden Stimmen anderer Hispanics für Clinton oder Obama beisteuern; beide sind im Osten, Norden und Westen gut verankert, nicht aber in den Grenzstaaten zu Mexiko.

Auch bei den Republikanern weht frischer Wind. Mitt Romney, erfolgreicher Geschäftsmann mit dreistelligem Millionenvermögen, finanzieller Retter der Olympischen Spiele von Salt Lake City 2002 und Ex-Gouverneur im liberalen Massachusetts, wäre der erste Mormone im Weißen Haus. Trotz des Misstrauens vieler Christen gegen diese Konfession ist Romney ein Mitfavorit. Seine Kampagne plant er so, wie ein Manager eine feindliche Übernahme: Er greift an den strategischen Stellen an. Wenn er in den frühen Staaten gewinnt, werde ihm der Gesamtsieg über kurz oder lang zufallen.

Frontrunner in den landesweiten Umfragen ist bei den Konservativen bisher Rudy Giuliani, Bürgermeister von New York während des Terrorangriffs an 9/11. Viele glauben, er werde bald straucheln. Denn wann hat es das je gegeben, dass ein mehrfach Geschiedener, der im Abtreibungsstreit für die Wahlfreiheit der Frauen eintritt, für Homosexuellenrechte und strikte Waffenkontrolle, dennoch die höchsten Zustimmungswerte unter Republikanern genießt?

Da ist wohl die Sehnsucht im Spiel, einen landesweit bekannten Politiker aufzustellen, der die Rechte vor einer Präsidentin Hillary Clinton bewahrt. In den frühen Vorwahlstaaten schneidet er schlecht ab. Er will sich am 5. Februar durchsetzen, dem Mega- Wahltag in mehr als 20 Staaten, der deshalb nicht mehr „Super Tuesday“, sondern „Tsunami Tuesday“ heißt. Bis dahin könnte sich die Dynamik bereits gegen ihn gewendet haben. Die Medien glorifizieren die frühen Sieger in Iowa, New Hampshire und South Carolina und verschaffen ihnen so kostenlosen Rückenwind für die folgenden Vorwahlen.

Der Aufsteiger der Stunde bei den Republikanern ist Mike Huckabee. Der Baptistenpfarrer und Nachnachfolger Bill Clintons als Gouverneur von Arkansas wirkt nicht so PR-mäßig gestylt wie Romney und Giuliani, ja fast bieder. Er sammelt Sympathie als der „normale Typ von nebenan“ und er hat Humor: Er sei „der andere Kerl aus Hope, Arkansas“, stellt er sich in Anspielung auf Bill Clinton vor. „Bitte gebt uns trotzdem eine zweite Chance!“ Da lachen die Clinton-Verächter unter den Konservativen. Wenn seine Rockband „Capitol Offense“ mit ihm an der Bassgitarre Bruce Springsteen, Elvis Presley und Chuck Berry spielt, öffnet das die Herzen. Er ist für mehr Klimaschutz und, eigentlich ein Sakrileg in den USA, für eine höhere Benzinsteuer – aus Respekt vor Gottes Schöpfung. In Iowa, wo es viele religiöse Rechte gibt, kann ihn das an die Spitze katapultieren.

Der andere Südstaatler, Fred Thompson aus Tennessee, hat die Erwartungen dagegen nicht erfüllt. Wie einst Ronald Reagan wollte der populäre Staatsanwalt aus der TV-Serie „Law and Order“ Filmruhm in politische Macht ummünzen, bisher ohne Erfolg.

Alles andere, nur nicht Bush: Das ist die Grundstimmung nach sieben Jahren George W. Nicht nur Demokraten, auch Republikaner wären heilfroh, wenn sein achtes und letztes Amtsjahr schon vorbei wäre. 2004 war er fast triumphal im Amt bestätigt worden, mit einem besseren Ergebnis als in der umstrittenen Wahl 2000 gegen Al Gore. Erfolgreich hatte er die Angst vor dem Terror mobilisiert. Zudem boomte die Wirtschaft damals, die Börse hatte sich vom Crash nach der High-Tech-Blase und der Rezession nach den Anschlägen von 2001 erholt.

Die Wahrnehmung Bushs in den USA verdüsterte sich erst im Laufe seiner zweiten Amtszeit, dann freilich rasant: die Entwicklung im Irak, die Aushöhlung der Bürgerrechte, die Affären um CIA-Geheimgefängnisse und Abhören ohne richterliche Genehmigung, die Korruptions- und Sexskandale in der Republikanischen Partei, das Versagen der Regierung während Hurrikan „Katrina“ in New Orleans und an der übrigen Golfküste – all das trat nun ins Bewusstsein. Im November 2006 gewannen die Demokraten die Kongresswahl. Erst seither glauben sie wirklich an ihren Sieg 2008.

Nun verfällt auch noch der Dollar. Die Immobilienkrise schürt die Angst vor einer Rezession. Es herrscht Wechselstimmung. Die Republikaner haben 2008 wohl nur Siegchancen, wenn Einschneidendes passiert: ein Megaskandal um den demokratischen Bewerber oder ein Terroranschlag in den USA. Unter einem konservativen Oberbefehlshaber fühlen sich die Amerikaner im Zweifel sicherer.

„Ready for change“, ist Hillary Clintons Schlachtruf. „Turn the page“, intoniert Barack Obama. Sie tritt als die Frau an, die nicht alles anders, aber alles besser machen will als Bush, und sie pocht dabei auf ihre größere Erfahrung: acht Jahre im Weißen Haus an Bills Seite und noch mal acht Jahre als Senatorin von New York.

Ihre angebliche Erfahrung sei nicht viel Wert, kontert Obama. Es komme auf Urteilsvermögen an. Ihre Erfahrung habe sie nicht vor dem Fehler bewahrt, für Bushs Irakkrieg zu stimmen. Er dagegen, der angeblich Unerfahrene, war von Anfang an gegen den Krieg.

Hillary, sagt Obama, stehe nur für einen Machtwechsel – Demokraten-Establishment an Stelle von Republikaner-Establishment. Wer eine Wende wolle, der müsse ihn wählen. Nur er, der Hoffungsträger und Versöhner, sei in der Lage, die tiefe Spaltung der Gesellschaft in ein rechtes und ein linkes Lager zu überwinden und neue Aufbruchsstimmung zu erzeugen.

Hillary schneidet in Fernsehdebatten besser ab, sie beherrscht die 30- bis 60-Sekunden-Antworten souveräner. Obama ist der bessere Redner, wenn man ihm Zeit gibt auszuholen. Er zieht größere Massen an, oft bleibt ein Glanz in den Augen der Zuhörer. Bei Hillary ist die Atmosphäre nüchterner: Sie verspricht, besser zu regieren nach der Inkompetenz unter Bush.

Bill Clinton ist Hillarys großer Trumpf, aber zugleich ein Ballast. Noch immer ist Bushs Vorgänger der wohl beliebteste Politiker des Landes. Seine acht Regierungsjahre gelten im Rückblick als gute Zeit, der Monika-Lewinsky-Skandal zählt kaum noch. Doch wenn sie zusammen auftreten, fällt auf, was Bill hat und was Hillary fehlt: sein Charme und seine Ausstrahlung etwa. Ein Menschenfänger wie Bill ist viel eher ihr Konkurrent Barack Obama.

Zudem scheuen viele Bürger zurück vor einer dynastischen Republik. Auch Amerikaner lieben Vorzeigefamilien, als ihre Royals-Variante. Doch wird Hillary gewählt und nach vier Jahren im Amt bestätigt, würden die USA 28 Jahre in Folge von nur zwei Familien regiert: Bush und Clinton.

Für John Edwards, den Dritten im demokratischen Bewerberfeld, ist es ein Graus, dass die Medien sich auf das Führungsduell konzentrieren: Frau gegen Schwarz. Edwards, der Vizepräsidentschaftskandidat 2004, tritt als Anwalt der kleinen Leute an. Er ist Millionär, hat ein Vermögen verdient in Schadensersatzprozessen gegen Pharmakonzerne und andere Industrie. Er gibt den radikalsten Veränderer. Was Hillary und Obama an Wandel vorschlagen, sei zu homöopathisch. Doch seine 400 Dollar teuren Friseurbesuche und seine Aktienpakete machen Schlagzeilen. Sie passen schlecht zum Image des Robin Hood, der den Reichen nimmt, um den Armen zu geben.

Natürlich spielen auch Sachthemen eine Rolle: Wie und wann kann ein Teil der US-Truppen heimkehren, ohne den Irak in Chaos und Bürgerkrieg zu stürzen? Eine allgemeine Krankenversicherung, die auch den 45 Millionen Unversicherten eine minimale Absicherung gibt, kommt wohl in den nächsten vier Jahren. Sie wird aber ganz anders aussehen als in Europa. Das deutsche, britische oder französische Gesundheitssystem verhöhnen auch Demokraten als „sozialistische Medizin“.

In vielen grundsätzlichen Fragen werden die USA selbst unter demokratischer Führung anders denken und entscheiden als Europa, vor allem beim Einsatz des Militärs im Ausland und der Verteilung der Lebensrisiken zwischen Individuum und Gesellschaft. Einen Sozialstaat wie in Deutschland lehnen die meisten Amerikaner ab. Sie sehen darin eine Einschränkung ihrer persönlichen Entscheidungsfreiheit und ein Hindernis für Wirtschaftswachstum. Sie wollen selbst verantwortlich sein, der Staat habe sich nicht einzumischen in ihr Leben.

Doch am Ende ist die Präsidentenwahl vor allem eine Bauchentscheidung: Wem trauen die Bürger Führung zu, wen finden sie sympathisch – und wen wollen sie am ehesten in den nächsten vier Jahren allabendlich in ihrem Wohnzimmer zu Gast haben, zugeschaltet über die Fernsehnachrichten?

Erfahrung oder ein frischer Neustart – das ist der gefühlte Unterschied zwischen Hillary Clinton und Barack Obama. Beide haben unterhaltsame Partner an ihrer Seite. Bill Clinton scherzt, statt „First Lady“ könne man ihn ja „First Laddie“ nennen, frei übersetzt: das „erste Bürschchen“ oder den „ersten Kumpel“. Die resolute Michelle Obama hat ihren Mann im Wahlkampf immer wieder vom Sockel geholt: Sie würden den „tollen Typen“ gerne mal treffen, den die Illustrierten in ihren Jubelgeschichten beschreiben. Seine sechsjährige Tochter sei besser im Bettenmachen als er. Politisch liegt sie natürlich ganz auf seiner Linie: Er sei die Hoffnung, die Amerika und die Welt nach Bush so dringend brauchen.

Amerika, du hast es besser? Die Welt wäre 2008 schon zufrieden mit dem Beweis: Amerika, du machst es diesmal besser.

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