USA : Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht

Franklin D. Roosevelt war vom 4. März 1933 bis zu seinem Tod 1945 US-Präsident. Dies ist die damalige Antrittsrede des neu gewählten Präsidenten - im übersetzten Wortlaut.

Ich bin überzeugt davon, dass meine amerikanischen Landsleute anlässlich meines Amtsantritts von mir erwarten, dass ich so offen und entschieden zu ihnen spreche, wie es die gegenwärtige Lage unseres Volkes verlangt.

Gerade in diesem Augenblick ist es geboten, die Wahrheit zu sagen, und zwar die ganze Wahrheit, freimütig und entschlossen. Wir brauchen uns keineswegs zu scheuen, die gegenwärtige Lage unseres Landes ehrlich ins Auge zu fassen. Dieses große Volk wird genauso weiter aushalten wie bisher, es wird wieder aufblühen und wird gedeihen.

So lassen Sie mich denn als Allererstes meine feste Überzeugung bekunden, dass das Einzige, was wir zu fürchten haben, die Furcht selbst ist – die namenlose, blinde, sinnlose Angst, die die Anstrengungen lähmt, deren es bedarf, um den Rückzug in einen Vormarsch umzuwandeln.

In allen dunklen Stunden unserer Geschichte hat eine freimütige und starke Führung beim Volke das Verständnis und die Unterstützung gefunden, die für den Sieg wesentlich sind. Ich bin überzeugt davon, dass Sie auch in diesen kritischen Tagen der Führung die gleiche Unterstützung zukommen lassen werden.

In diesem Geist werden Sie und ich unseren gemeinsamen Schwierigkeiten ins Auge schauen. Sie betreffen, Gott sei Dank, nur materielle Dinge. Die Werte sind auf ein unglaublich tiefes Niveau gesunken, die Steuern sind angewachsen, unsere Zahlungsfähigkeit ist zurückgegangen, Regierungsstellen aller Art stehen vor ernstlichen Einkommensverminderungen, die flüssigen Zahlungsmittel sind eingefroren, die traurigen Trümmer industrieller Unternehmungen liegen verstreut umher, Farmer finden keine Märkte für ihre Erzeugnisse und Tausende von Familien haben die Ersparnisse vieler Jahre eingebüßt.

Doch wichtiger noch, ein Heer von arbeitslosen Mitbürgern sieht sich vor die grimmigen Probleme des Existenzkampfes gestellt, und eine ebenso große Zahl schuftet für Hungerlöhne. Nur ein törichter Optimist kann diese harten Wirklichkeiten verleugnen.

Unserer Notlage entspringt jedoch kein Mangel an Substanz. Wir sind nicht mit einer Heuschreckenplage geschlagen. Verglichen mit den Gefahren, die unsere Vorväter überwanden, weil sie gläubig und mutigen Herzens waren, haben wir manchen Anlass zur Dankbarkeit. Noch bietet uns die Natur die Gaben ihres Überflusses, den menschliche Anstrengungen vervielfacht haben. Vor unseren Türschwellen wohnt die Fülle, doch im unmittelbaren Anblick der Vorräte schaffen wir es nicht, sie uns nutzbar zu machen. Es liegt dies in erster Linie an der Verbohrtheit und Unfähigkeit derjenigen, die den Austausch der Menschheitsgüter zu regeln hatten. Sie haben versagt, haben ihr Versagen zugegeben und abgedankt. Die Machenschaften der gewissenlosen Geldwechsler stehen am Pranger der öffentlichen Meinung und werden vom Herzen und Verstand des Volkes verworfen.

Es ist wahr, sie haben sich bemüht, aber ihre Bemühungen waren nach dem Muster einer überholten Tradition zugeschnitten. Angesichts des Mangels an Krediten fiel ihnen kein anderer Ausweg ein als der Vorschlag, weiteres Geld zu verleihen. Der Lockspeise des Profits beraubt, mit der sie unser Volk veranlasst hatten, ihrer trügerischen Führung zu folgen, haben sie ihre Zuflucht zu Ermahnungen genommen und weinerlich um erneutes Vertrauen gebeten. Sie kennen nur die Gesetze einer Generation von Egoisten. Sie besitzen keine visionäre Kraft, und wo diese fehlt, gehen die Menschen zugrunde.

Die Geldwechsler sind von ihren Hochsitzen im Tempel der Zivilisation geflüchtet. Jetzt können wir diesen Tempel den uralten Wahrheiten wieder zurückgeben. Wie weit uns das gelingen wird, hängt von dem Ausmaß ab, in dem wir soziale Werte schaffen, die edler sind als bloßer geldlicher Gewinn.

Das Glück liegt nicht im bloßen Geldbesitz; es liegt im Stolz auf die erreichte Leistung und in der Freude an der schöpferischen Arbeit. Die Freude und der moralische Antrieb der Arbeit dürfen nicht länger über der hektischen Jagd nach vergänglichen Gewinnen vergessen werden. Diese dunklen Tage werden trotz allem ihren hohen Preis wert sein, wenn sie uns lehren, dass es nicht unsere Bestimmung ist, auf Hilfe zu warten, sondern uns und unseren Mitmenschen selbst zu helfen und zu dienen. Die Erkenntnis, dass es ein Trugschluss ist, materielle Werte als Erfolgsmaßstab anzusehen, geht Hand in Hand mit der Abwertung des trügerischen Glaubens, dass öffentliche Ämter und hohe politische Stellungen nur nach dem Maßstab des Ehrgeizes und des persönlichen Vorteils zu bewerten sind. Auch muss ein Ende mit jenem Gebaren im Bank- und Geschäftswesen gemacht werden, das sich gläubigem Vertrauen gegenüber nur allzu oft als gewissenloser, selbstsüchtiger Betrug entpuppt hat. Kein Wunder, dass das Vertrauen verkümmert ist, denn es gedeiht nur auf dem Boden der Ehrenhaftigkeit, des Ehrgefühls, der Heilighaltung von Verpflichtungen, des zuverlässigen Schutzes, der selbstlosen Tat. Ohne diese kann es nicht leben.

Zu dieser Erneuerung bedarf es jedoch nicht nur einer ethischen Wandlung. Unsere Nation verlangt Taten, und zwar sofortige Taten.

Unsere größte und vordringlichste Aufgabe besteht darin, den Menschen Arbeit zu verschaffen. Daneben müssen wir, in der klaren Erkenntnis des Bevölkerungsüberschusses in unseren Industriegebieten, es mittels einer Umgruppierung im ganzen Land unternehmen, den Boden durch die dazu am besten geeigneten Menschen nutzbarer machen zu lassen. Schließlich bedürfen wir, um Fortschritte in der Arbeitsbeschaffung zu erzielen, zweier Schutzvorrichtungen gegen das Wiederauftreten alter Missstände: Es muss eine strenge Überwachung aller Bankgeschäfte, Kredite und Investitionen eingerichtet werden, um den Spekulationsgeschäften mit anderer Leute Geld ein Ende zu machen, und es muss Vorsorge für eine angemessene und gesunde Währung getroffen werden.

Dies sind unsere Richtlinien für den Angriff. Mit diesem Aktionsprogramm schicken wir uns an, in unserem Lande Ordnung zu schaffen und unsere Einkommensbilanz zu verbessern.

Auf dem Gebiet der Weltpolitik möchte ich unserer Nation die Politik des guten Nachbarn ans Herz legen – des Nachbarn, der sich selbst in jeder Weise achtet und deshalb auch die Rechte der anderen achtet, des Nachbarn, der seine Verpflichtungen ernst nimmt und die Unverletzlichkeit seiner Verträge in und mit einer Welt von Nachbarn respektiert.

Wenn ich die Stimmung unseres Volkes richtig deute, so begreifen wir jetzt wie nie zuvor unsere gegenseitige Abhängigkeit voneinander; wir begreifen, dass wir nicht nur nehmen dürfen, sondern auch geben müssen; dass wir, um vorwärtszukommen, als eine geübte und zuverlässige Armee marschieren und willens sein müssen, zum Besten der allgemeinen Disziplin Opfer zu bringen. Denn ohne eine solche Disziplin gibt es keinen Fortschritt, und ohne sie kann keine Führung Erfolg haben. Wir sind, ich weiß es, bereit und willens, unser Leben und unseren Besitz einer solchen Disziplin zu unterwerfen, denn nur sie ermöglicht eine Führung, die das Allgemeinwohl im Auge hat. Das ist es, was ich in der Gewissheit vorschlagen möchte, dass die höheren Ziele uns als heilige Verpflichtung zu einer einsatzbereiten Gemeinschaft verbinden werden, wie sie bisher nur in Zeiten bewaffneter Auseinandersetzung bestanden hat.

Unter der von unseren Ahnen ererbten Regierungsform ist eine Arbeit in diesem Sinne und mit diesem Ziel ausführbar. Unsere Verfassung ist so einfach und praktisch, dass man für jeden außergewöhnlichen Notstand ihre Akzente und ihre Gliederung abändern kann, ohne sie deshalb ihrer wesentlichen Form zu berauben. Daher hat sich unser konstitutionelles System als der vorzüglichste und dauerhafteste politische Mechanismus erwiesen, den die moderne Welt hervorgebracht hat. Es hat sich allen Anforderungen gewaltiger territorialer Ausdehnung, Kriegen mit fremden Mächten, ernsten inneren Auseinandersetzungen und weltweiten Beziehungen gewachsen gezeigt.

Es ist zu hoffen, dass das normale Gleichgewicht von exekutiver und legislativer Gewalt völlig ausreicht, um mit den vor uns liegenden beispiellosen Aufgaben fertig zu werden. Es könnte jedoch der Fall eintreten, dass ein noch nie da gewesenes Verlangen nach unverzüglichem Handeln sowie die Notwendigkeit hierzu ein zeitweiliges Abweichen von diesem normalen Gleichgewicht des Regierungsverfahrens erforderlich machen würde.

Ich bin darauf vorbereitet, entsprechend meiner verfassungsmäßigen Pflicht die Maßnahmen vorzuschlagen, deren ein schwer heimgesuchtes Volk inmitten einer schwer heimgesuchten Welt bedarf. Diese Maßnahmen oder andere, die vielleicht der Kongress aus seiner Erfahrung und Weisheit heraus entwerfen wird, werde ich innerhalb meiner verfassungsmäßigen Vollmachten aufs Schnellste zu verwirklichen trachten. Wenn der Kongress es jedoch unterlassen sollte, einen dieser beiden Wege einzuschlagen, und wenn der nationale Notstand andauert, so werde ich mich nicht scheuen, den geraden Weg der Pflicht zu gehen, der mir dann noch offensteht. Ich werde den Kongress um das letzte Mittel bitten, das zur Bewältigung der Krise dann noch bleibt – umfassende Exekutivgewalt, um einen Feldzug gegen die Not zu beginnen, und zwar genauso umfassend wie die Gewalt, die man mir im Falle der Invasion einer fremden feindlichen Macht übertragen würde.

Ich werde das in mich gesetzte Vertrauen durch den Mut und die Hingabe vergelten, die die Zeit erfordert. Wir gehen den vor uns liegenden schweren Tagen mit der festen Zuversicht eines einigen Volkes entgegen, mit dem klaren Bewusstsein, dass wir nach alten und unschätzbaren moralischen Werten streben, mit der reinen Genugtuung, die der gemeinsamen strengen Pflichterfüllung des ganzen Volkes entspringt. Wir streben nach der Gewissheit eines erfüllten und unvergänglichen Lebens unserer Nation.

Wir sind nicht besorgt um die Zukunft der echten Demokratie. Das Volk der Vereinigten Staaten hat nicht versagt. In seiner Not hat es den Wunsch nach unverzüglichen, durchgreifenden Maßnahmen zum Ausdruck gebracht. Es hat nach Disziplin und der Lenkung durch eine Führung verlangt. Es hat mich in diesem Augenblick zum Vollzugsinstrument seiner Wünsche gemacht. In dem gleichen Geist, in dem mir diese Würde übertragen wurde, nehme ich sie entgegen.

Quelle: "Franklin D. Roosevelt. Links von der Mitte, Briefe - Reden - Konferenzen, ausgewählt und zusammengestellt von Donald Day" (1951 erschienen im Verlag der Frankfurter Hefte).

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