USA : Der neue Melting Pot

Amerikas Volkszählung zeigt eine Gesellschaft in raschem Wachstum und Wandel.

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Stell Dir vor, es ist Volkszählung, und fast jeder macht mit. In Amerika läuft der 23. Zensus seit 1790. Die Verfassung schreibt das alle zehn Jahre vor. Es gibt kein Meldesystem. Die Zählung ist die Basis für den Zuschnitt der Wahlkreise, damit jeder der 453 Kongressabgeordneten eine annähernd gleich große Menge von Bürgern vertritt.

Den Amerikanern ist zudem bewusst, dass die Finanzen ihrer Gemeinde vom Zensus abhängen. Je mehr Bürger teilnehmen, desto höher die Geldzuweisung an die Kommune. Auch deshalb gibt es keine bedeutende Boykottbewegung wie 1987 in der Bundesrepublik.

Zwar gibt es Kontroversen, aber sie belegen eher, wie rasant die Gesellschaft sich verändert und dabei alte Streitfragen überwindet. Im Fragebogen taucht, zum Beispiel, das Wort „Negro“ wieder auf, als Alternative zu „Schwarzer“ und „Afroamerikaner“. Lange war es verpönt, im Kampf um die Gleichberechtigung in den 1960er Jahren galt es als Schimpfwort. Neue Forschungen zeigen, dass sich heute Zehntausende als Negro bezeichnen wollen. Zur einen Hälfte sind es sehr alte Schwarze, die mit der Bezeichnung aus der Zeit vor dem Civil Rights Act von 1964 aufgewachsen sind und den politischen Begriffswechsel nicht mitgemacht haben. Zur anderen sind es junge Schwarze, die sich ganz selbstbewusst als Negro sehen möchten.

Umstritten sind neue Rubriken für Hispanics, die Einwanderer aus Mexiko, der Karibik, Mittel- und Südamerika. Sie bilden die am schnellsten wachsende Gruppe und sind die größte Minderheit. Doch sie passen sich ungern in das bisher übliche Schema der Hautfarben und Rassen ein: weiß, schwarz, indianisch, asiatisch oder gemischtrassig. In den USA wird das Wort Rasse ganz selbstverständlich benutzt, es ist nicht belastet wie in Deutschland wegen der Rassenpolitik unter Hitler. Der neue Fragebogen bietet den Hispanics, die oft selbst aus gemischten Ehen stammen, zusätzliche Unterrubriken für die Selbstdefinition an, und ebenso den Asiaten.

Der Zensus wird machtpolitische Folgen haben. Seit 2000 ist die Bevölkerung um rund zehn Prozent gewachsen, von 281,4 Millionen auf nun 309 Millionen, doch das verteilt sich nicht gleichmäßig auf die 50 Bundesstaaten. Relativ verliert der Nordosten an Bevölkerung und dort vor allem die alten Industriegebiete. Der Süden und der Westen gewinnen hinzu, vor allen durch die Immigration der Hispanics. In der Folge werden Ohio, Pennsylvania, Illinois, Michigan und Minnesota, aber auch New Jersey und New York Kongresssitze einbüßen. Im Gegenzug erhalten Arizona, Nevada, Utah, Florida und Texas mehr Abgeordnete.

Die Wendungen beim Wort „Negro“ und bei den Identifikationswünschen der Hispanics scheinen zu belegen, dass der „Melting Pot“ funktioniert. Trotz mancher Fehler bieten die USA jedem eine Integrationschance und machen am Ende alle zu Amerikanern. Sicher ist das aber nicht. Je mehr Hispanics es werden, desto weniger lernen verlässlich Englisch. Der Melting Pot verheißt kein Ende der Probleme, sondern einen Wandel der Herausforderungen im Wandel der Zeit.

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