USA : Obama ist wieder ganz bei sich

Der US-Präsident erinnert Amerika an seine Ursprünge – und sich selbst an die eigenen. Ein Kommentar.

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Neuer Biss? Obamas neue Amtsführung.
Neuer Biss? Obamas neue Amtsführung.Foto: AFP

That all of us are created equal.“ Vielleicht hätten die Demokraten den Senat nicht verloren, hätte Barack Obama diesen Kernsatz des amerikanischen Selbstverständnisses, die Gründungsurkunde der Unabhängigkeit schon früher zitiert. „Was uns zu Amerikanern macht, ist unsere gemeinsame Hingabe an ein Ideal – dass wir alle gleich geschaffen sind“, sagte der Präsident in der Nacht zu Freitag seinem Volk. Hoch gegriffen im rhetorischen Arsenal.

Zumindest die Herzen der Immigranten hat Obama gewonnen

Zumindest die Herzen der Millionen Immigranten im Land hat er damit sicher gewonnen. Anders als seine Partei-Kollegen, die Latino- Stimmen verloren geben mussten.

Was Obama angekündigt hat, ist keine umfassende Einwanderungsreform. Doch die Anordnungen bedeuten für viele Millionen Einwanderer aus Süd- oder Mittelamerika de facto einen mehrjährigen Abschiebestopp, und die Chance, sich später doch noch eine legale Existenz aufbauen zu können.

Obama ist wieder bei sich selbst angekommen

Mit dieser Rede ist Obama wieder bei sich selbst angekommen. Wie befreit agiert der angezählte Präsident nach der Midterm-Niederlage. Politische Rücksichtnahmen, so scheint es, liegen erst einmal hinter ihm. Und zurück bei sich wartet auf Obama das Gleichheits- Motiv. Dort wirbt er für gleichen Lohn , bekennt sich zur Homo-Ehe. Leidenschaftlich agitiert er junge schwarze Männer, sich auf den Weg in die Mitte der Gesellschaft zu machen. Obama hätte sich nicht einreden lassen sollen, ausgerechnet bei der Einwanderungsfrage taktisch zurückstehen zu müssen.

Der große Politiker, auf den alle gehofft haben

Nicht nur, weil es ohnehin nichts gebracht hat. Nicht nur, weil die Einwanderungsfrage gelöst werden muss, so oder so. Nein auch, weil Obama nichts anderes als Obama kann. Wenn der amtierende Präsident nicht sich selbst gibt, dann wirkt er hölzern, fremdgesteuert und unnahbar. Er führt die Welt, lässt Angriffe in Syrien fliegen, dealt um das iranische Atomprogramm. Überzeugend geht anders. Obama kann nur gewinnen, wenn er das tut, wofür er Leidenschaft mitbringt. Ob ihn das als guten Präsidenten ausweist?

In der Nacht zu Freitag zumindest ist Obama für einen Moment wieder zu einem großen Politiker geworden. „Wir müssen uns daran erinnern, dass diese Debatte von etwas Größerem handelt“, sagte er. Sie handele davon, wer Amerika ist. „Sind wir ein Land, das die Scheinheiligkeit eines Systems duldet, in dem Arbeiter unser Obst pflücken und unsere Betten machen, die nie die Chance bekommen, mit dem Gesetz in Einklang zu kommen?“, fragte der Präsident seine Nation. Mit dem Satz erreichte er gewiss nicht nur die Millionen, die in den Häusern der Wohlhabenderen putzen, Wände streichen oder dort die Gärten pflegen. Auch die Herzen der liberalen Bewohner dieser Häuser – mit ihrem ebenso sozialen wie schlechten Gewissen – müssen ihm zugeflogen sein. Insbesondere da dieser neue-alte Obama auch handelt.

Die Einwanderungsrede macht Hoffnung für die letzten beiden Regierungsjahre

Wenn der Obama der Einwanderungsrede ein Vorgeschmack auf die letzten beiden Jahre seiner Amtszeit gewesen sein sollte, dann besteht Hoffnung darauf, dass wieder etwas von dem energischen, zielbewussten Politiker zum Vorschein kommt. Dann könnte sich der Rest seiner Amtszeit noch als interessanter erweisen, als bisher angenommen.

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