USA : Rechte Geister

Amerika trauert um zwei konservative Urgesteine - Irving Kristol und William Safire. Sie legten das geistige Fundament, auf dem viele andere aufbauten

Christoph von Marschall

Politische Bewegungen wachsen nicht einfach, weil die Zeit reif für sie scheint. Sondern sie brauchen ein geistiges Fundament. Das legen nicht die medialen Sturmtruppen der tagespolitischen Auseinandersetzung, auch wenn die sich selbst gern als die entscheidenden Ideengeber sehen.

In den USA lässt sich das gerade gut beobachten. Die marktschreierischen Propagandisten der Republikaner wie Bill O’Reilly und Rush Limbaugh erreichen nur die bereits überzeugte Klientel. Sie finden Beachtung, weil sie laut sind. Es gelingt ihnen aber nicht, die Basis zur Mitte hin zu erweitern. Ihr aggressiver Eifer schreckt moderate Bürger ab.

Die wahren Vordenker einer neuen Epoche haben größeren intellektuellen Tiefgang. Von zwei solchen Urkonservativen nimmt Amerika nun Abschied: William Safire erntete Ruhm als Redenschreiber Richard Nixons. Zuvor hatte er den damaligen Vizepräsidenten Nixon und den sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow zu den „Küchengesprächen“ über die relativen Vorteile von Kapitalismus und Kommunismus gebracht. Entscheidenden Einfluss gewann er nach Nixons Sturz im Watergateskandal. Safire wurde 1973 Kolumnist der „New York Times“. Allein, dass eine in den USA als „links“ geltende Zeitung ihn zu einem intellektuellen Aushängeschild machte, verrät viel über die Qualität geistiger Auseinandersetzung. Safires andere Kolumne über Sprache schöpfte aus einem enormen Bildungsreichtum. Scharf attackierte er bevorzugt den „Negativismus“ der Demokraten, die für ihn zu vieles an den USA schlechtredeten. Auch Republikaner griff er an, wenn sie den Geist der Freiheit verrieten, George W. Bush etwa, wegen des Umgangs mit Terrorgefangenen.

Neun Tage vor Safire war Irving Kristol gestorben, der intellektuelle Wegbereiter der Reagan-Präsidentschaft 1980–88. In den sechziger und siebziger Jahren waren Bürgerrechte und Sozialstaat ausgebaut worden. Kristol sagte voraus, dass die staatliche Fürsorge immer mehr Bürger in Abhängigkeit bringen und eine Gegenrevolution provozieren werde, weil die Amerikaner mehrheitlich das Prinzip der Eigenverantwortung bevorzugten. Ein Neokonservativer, scherzte Kristol, sei ein Liberaler, den die Realität korrigiert habe.

In der kommenden Dekade werden die Republikaner wohl erst dann wieder mehrheitsfähig, wenn sie Barack Obama Ideen von der geistigen Qualität Safires und Kristols entgegensetzen.

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