Meinung : USA und China: Zu hart, um klug zu sein

Christoph von Marschall

Außenpolitik ist nur bedingt ein objektives Geschäft. Entscheidend sind nicht die Fakten, sondern deren Wahrnehmung. Daher die wichtige Rolle der Diplomatie, neben handfesten Aktionen: als Versuch, den Partnern und Gegnern die eigene Sicht näher zu bringen. Misslingt das, können sich Bedrohungsszenarien verselbstständigen.

Fakten und Wahrnehmungen verheißen nichts Gutes zwischen den USA und China. Die Gefahr eines Kalten Kriegs in Asien scheint plötzlich gar nicht so weit hergeholt zu sein. Der Body-check ihrer Flugzeuge über dem Südchinesischen Meer hat auch deshalb eine ernste Konfrontation heraufbeschworen, weil derzeit die Scharfmacher die Wahrnehmung des Gegenübers bestimmen. Unter dem neuen Präsidenten wurde Peking vom "strategischen Partner" zum "strategischen Rivalen" herabgestuft. China wiederum ist hypernervös, weil Washington in wenigen Tagen darlegen muss, welches Militärgerät Taiwan in diesem Jahr kaufen darf. Diplomatie vermag die neuen Bedrohungsgefühle im Moment nicht zu zerstreuen, weil es noch keine belastbaren Vertrauenskanäle zwischen Peking und der neuen US-Regierung gibt.

Letzte Gewissheit gibt es zwar noch nicht über den Hergang des Crashs, aber der Augenschein spricht eher für die amerikanische Version: ein - womöglich absichtlicher - Rammstoß des chinesischen Kampffliegers gegen die US-Maschine. Sie basiert auf dem Funkspruch der Besatzung des Aufklärungsflugzeuges, als es sich bereits im Trudeln befand. In Momenten höchster Lebensgefahr setzt man nicht raffiniert ausgeheckte Legenden ab. Peking dagegen hatte alle Zeit, sich seine Version zurechtzulegen.

Sollte sich der Rammstoß bestätigen, wäre dies ein Grund mehr, eine Strategie gegen das immer ruppigere Auftreten Pekings in der Region zu entwickeln. China ist im Begriff, zu einer Supermacht aufzusteigen, und testet immer wieder, inwieweit es sich an die internationale Hausordnung halten muss oder ob es mit aggressivem Auftrumpfen seine Ziele schneller erreicht. Es hängt also von der richtigen Mischung aus Flexibilität und Prinzipientreue in der amerikanischen und europäischen China-Politik ab, ob da eine berechenbare oder eine gemeingefährliche Supermacht entsteht.

Härte kann sich George Bush derzeit aber nur schwer leisten. In der internationalen Wahrnehmung ist die Schuld nicht so eindeutig verteilt - der Crash wird in ein Wahrnehmungsmuster eingeordnet. Und das ist zurzeit nicht besonders Amerika-freundlich. Es sind erst zweieinhalb Monate seit George W. Bushs Einzug ins Weiße Haus vergangen. Im Wahlkampf hatte Bush kräftig an dem Ruf gearbeitet, seine Außenpolitik werde konfrontativer und interessenorientierter: America first - ob Raketenabwehr, Truppenabzug vom Balkan, Umgang mit Russland und China oder Welthandelspolitik.

Nach dem Amtsantritt schienen vorübergehend die Abwiegler Recht zu behalten: Wahlkampf ist das eine, Regieren das andere - und da setzt sich nach aller Erfahrung der Pragmatismus durch. Raketenabwehr: Bei den ersten Treffen mit den europäischen Verbündeten wurde der Ton plötzlich viel konzilianter. Vom Truppenabzug vom Balkan war kaum noch die Rede. Inzwischen hat sich der Wind jedoch erneut gedreht: erst der rücksichtslose Abschied von den Kyoto-Verpflichtungen zum Klima-Schutz, dann die harschen Töne gegenüber Moskau.

Mit dieser Hypothek hat Bush jetzt zu kämpfen. Er muss eine gewisse Konzilianz an den Tag legen, wenn die Konfrontation nicht außer Kontrolle geraten soll. Womöglich wäre gerade jetzt genau das Gegenteil nötig: Härte, damit Peking sich in den Rowdy-Methoden nicht bestätigt fühlt. Aber diese Option hat Bush sich verbaut - weil er zuvor nicht das richtige Maß gefunden hat.

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