Meinung : USA: Weiße Männer in der Minderheit

Malte Lehming

Was ist das nun? Ein Vatersöhnchen-Kabinett? Ein Greisenclub? Ein konservatives Wolfsrudel, in dem zur Tarnung ein paar Schafe weiden dürfen?

Seit drei Wochen hat Amerika einen neuen Präsidenten und seit gestern auch eine neue Regierung. Beide sind bis zum 20. Januar noch im Wartestand. Weil aber Politik zunächst einmal Handwerk ist, hat George W. Bush zumindest seine Gesellenprüfung mit Auszeichnung bestanden. So schnell, so diskret, so effektiv wie er hat seit Jahrzehnten keiner seiner Vorgänger eine neue Mannschaft zusammengestellt. Und wer immer zwischendurch geglaubt haben mag, durch eine der 15 Nominierungen die politische Formel gefunden zu haben, auf die sich der 43. US-Präsident wird bringen lassen, sah sich bereits am nächsten Tag widerlegt.

Gegen alle Prognosen

George W. Bush, der Präsident des weißen Mannes? Von wegen. Die sechs weißen Männer in seiner Regierung bilden eine Minderheit. Ihnen zur Seite sitzen drei weiße Frauen, zwei schwarze Männer sowie Menschen beiderlei Geschlechts aus anderen Herkunftsländern. In dieser Hinsicht setzt sich die Bush-Regierung ebenso bunt zusammen wie die von Bill Clinton. George W. Bush, der Sohn-Präsident? Sicher, einige Namen - der prominenteste dürfte Außenminister Colin Powell sein - erinnern stark an die vier Regierungsjahre des Vaters. Doch wie passen etwa Verteidigungsminister Donald Rumsfeld oder Arbeitsministerin Linda Chavez in dieses Schema? Der eine war bereits Verteidigungsminister unter Gerald Ford, die andere wurde unter Ronald Reagan bekannt.

Also jedenfalls ein Greisenkabinett? Naja, das Durchschnittsalter ist mit 58 Jahren tatsächlich vergleichsweise hoch - gleich vier Minister haben die Pensionsgrenze überschritten. Aber keiner von ihnen ist über 70 Jahre alt (wie unter Clinton), und wo steht geschrieben, dass man möglichst wenig Erfahrung haben darf, um ein guter Politiker sein zu können?

Bush hat an Profil gewonnen

Nein, das Bild, wie es noch vor drei Wochen gezeichnet wurde, stimmt nicht mehr ganz. George W. Bush hat an Profil gewonnen. Er mag mit dem knappsten Ergebnis der amerikanischen Geschichte Präsident geworden sein, aber deswegen ist er beileibe nicht schwach. Er hat eine politisch erfahrene, ihm gegenüber loyale, im Herzen zwar konservative, aber nicht reaktionäre Truppe um sich versammelt. Er verfügt in beiden Kammern des Kongresses über eine Mehrheit, die zwar hauchdünn ist, aber den Spielraum der Opposition im Vergleich zu den vergangenen Jahren deutlich hat schrumpfen lassen. Gewonnen hat die konservative Mitte der Gesellschaft. Verloren hat der linke Rand. Für Frauenrechtler und Umweltschützer dürften nun harte Zeiten anbrechen. Und an der Praxis der Todesstrafe wird ebensowenig gerüttelt werden wie am Recht auf Waffenbesitz. Vielleicht setzt Bush immer noch auf "Überparteilichkeit", auf "Versöhnung" und "Einheit" wie in seiner beachtlichen Siegesrede. Aber er tut dies eben als ein Sieger, der dem Besiegten die Hand reicht. Kein Zweifel, wer der Stärkere ist.

Was heißt das inhaltlich? Innenpolitisch steht die Bildungsreform ganz oben auf der Agenda der neuen Administration. Die Bildung war eines der wenigen Wahlkampfthemen von George W. Bush. Auf diesem Gebiet erhofft er sich außerdem die Unterstützung vieler Demokraten. Außenpolitisch wird, mit diplomatischer Vorsicht zwar, aber desto zielstrebiger, das Projekt einer Abwehr von Nuklearraketen (NMD) vorangetrieben. Nicht allein Bush selbst, sondern alle zentralen Figuren seines Kabinetts - angefangen bei Verteidigungsminister Rumsfeld bis hin zu Außenminister Powell - gelten als entschiedene Verfechter dieser militärtechnologischen Vision. Die angekündigte Steuererleichterung wiederum wird abgespeckt und häppchenweise präsentiert - immer so viel, dass Bush behaupten kann, von seinem Ziel nicht abgewichen zu sein.

Noch grollt es hier und da. Die Wunden, die in dieser Wahl geschlagen wurden, sind noch nicht vernarbt. Aber die Stimmen werden leiser, die die Legitimität des neuen Präsidenten in Frage stellen. Spätestens am 20. Januar werden sie wohl endgültig verstummt sein. Dann, so lässt sich sagen, bricht für die letzte verbliebene Supermacht eine neue Ära an.

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