USA : Willkommen in der Welt!

Israel, Iran, Afghanistan, Wirtschaftskrise: Die Wirklichkeit hat Barack Obama eingeholt. Es gibt bisher keinen Anlass, an seinen guten Absichten zu zweifeln – aber sehr viele Gründe, die Erwartungen auf ein bescheidenes Maß zurückzustutzen.

Christoph von Marschall

Die Welt wartet nicht auf ihn. Da hilft auch alles vorausschauende Planen und Überdenken wenig. Drei Wochen und drei Tage ist Barack Obama nun im Amt. Rationaler und vernunftgesteuerter als unter Bush werde seine Außenpolitik sein, hatte er versprochen; und dazu mehr Konsultationen mit den Partner und mehr Diplomatie.

Es gibt bisher keinen Anlass, an seinen guten Absichten zu zweifeln – aber sehr viele Gründe, die Erwartungen auf ein bescheidenes Maß zurückzustutzen. Im Nahen Osten wollte er rasch auf eine neue Runde von Friedensverhandlungen drängen. Der Wahlausgang in Israel ist dafür nicht hilfreich. In Afghanistan wollte er sich gemeinsam mit den Verbündeten 60 Tage Zeit nehmen, um die bisherige Strategie zu überprüfen und an die aktuelle Situation anzupassen. Nun wurde der Sondergesandte Richard Holbrooke mit einer Serie von Anschlägen empfangen, die vor allem zeigen: Die USA und die Nato sind nicht Herren der Lage. Womöglich sieht sich Obama gezwungen, die Truppen rasch zu verstärken – ohne auf das Ergebnis der Beratungen mit den Alliierten zu warten. Die Signale aus dem Iran und Nordkorea klingen auch nicht so, als werde Obama bald einen Erfolg seines Gesprächsangebots vorweisen können.

Schlimmer noch: Er kann seine Aufmerksamkeit diesen drängenden Konflikten gar nicht voll widmen. Derzeit absorbiert die Finanzkrise seine Kräfte. Auch der Präsident einer Supermacht hat nur ein begrenztes Kontingent an Zeit und Energie. Zuerst muss er seine innenpolitische Macht festigen; ohne die wird er nicht erfolgreich außenpolitischen Herausforderungen begegnen können. Seit Tagen kämpft Obama um verschiedene Rettungspakete – wie es aussieht, sogar erfolgreich. Die dafür nötigen Stimmen von Republikanern hat er bekommen, freilich um den Preis inhaltlicher Kompromisse.

Die Kosten dieses inneramerikanischen Ringens für die Weltpolitik sind noch höher. Abgesehen von den Anrufen bei Staatsoberhäuptern und Regierungschefs rund um den Erdball, die der Höflichkeit geschuldet sind und natürlich auch den Ton für künftige Kooperationen setzen, hatte Obama noch keine Zeit, substanziell in die Außenpolitik einzugreifen. Die Ereignisse in Israel, Afghanistan, dem Iran und anderen Brennpunkten zeigen jedoch: Die Konflikte, um die sich der US-Präsident gerade nicht kümmern kann, sind deshalb nicht eingefroren. Sie brodeln weiter und können eine gefährliche Dynamik entwickeln.

Wird das besser, wenn die Hilfspakete gegen die Wirtschaftskrise verabschiedet sind – und Obama sich in diesem Erfolg sonnen kann? Nicht einmal das ist sicher. Freie Hand für die Außenpolitik wird er erst haben, wenn sich ökonomische Besserung abzeichnet. Das liegt aber ebenso wenig in seiner Hand wie der Wahlausgang in Israel oder die Zahl der Anschläge in Afghanistan. Die Macht des US-Präsidenten ist begrenzt. Unter Bush hätten viele diese Erkenntnis als beruhigend empfunden. Wächst in der Not die Sehnsucht nach einem stärkeren Amerika?

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