Meinung : Utopie von gestern

Berlins SPD will die Gemeinschaftsschule – dabei hapert es schon bei kleineren Reformen

Susanne Vieth-Entus

Sind Berlins Sozialdemokraten noch zu retten? Da feilen sie sieben Jahre lang an einem neuen Schulgesetz. Und jetzt, nur ein Jahr nach seinem Inkrafttreten, sägen sie bereits an den Grundfesten eben dieses neuen Gesetzes. Nichts anderes bedeutet es, wenn die SPD auf ihrem Bildungsparteitag im April über eine „Gemeinschaftsschule“ diskutieren will.

Sicher: Die Genossen haben gute Argumente auf ihrer Seite. Die sagen, dass laut Pisa-Studie das gegliederte Schulsystem die soziale Herkunft der Kinder zementiert. Dass intelligente Kinder aus den unteren Schichten unter ihren Möglichkeiten bleiben, weil sie meistens auf der Haupt- oder Realschule landen. Allerdings wird genau über diese Argumente seit Jahren diskutiert. Im Ergebnis rieten führende Pisa-Forscher davon ab, das deutsche System über den Haufen zu werfen. Sie sagen, dass die optimale Förderung nicht in erster Linie an der Schulstruktur hängt, sondern auch an gut qualifizierten Lehrern, an unterstützenden Sozialpädagogen und an Vergleichsarbeiten zur Ergebniskontrolle.

Dieser Gedanke hat letztlich das neue Schulgesetz geleitet. Man müsste jetzt alle Anstrengungen darauf richten, das Gesetz auch umzusetzen. Aber nicht einmal das klappt: Das praxisnähere Pädagogenstudium kommt nicht in Gang. Für die Grundschulreform fehlen junge Lehrer, und Hauptschulen verzweifeln, weil sie keine Sozialpädagogen haben.

Da die Berliner SPD offenbar nicht bereit ist, mehr Geld in Bildung zu stecken, sind die skandinavischen Voraussetzungen für gute Gemeinschaftsschulen nicht gegeben. Auch deshalb nicht, weil das von Arbeitslosigkeit und Migrantenproblemen gebeutelte Berlin eine schwierigere Schülerschaft hat als Stockholm oder Helsinki.

Das alles wissen die Sozialdemokraten. Sie lassen sich aber nicht beirren und verweisen etwa auf Frankreich, dessen einheitliches Schulsystem bei Pisa ebenfalls besser abgeschnitten hat als das gegliederte deutsche. Allerdings verdrängen sie dabei, dass 40 Prozent der leistungsfähigen französischen Kinder Privatschulen besuchen – auch eine Art von Auswahlverfahren.

Und noch etwas vergessen die SPD-Kreisverbände, die sich jetzt mit Parteitagsanträgen für eine Gemeinschaftsschule hervorgetan haben: Sie schaden der Mobilität von Familien, wenn Berlin sich vom bundesdeutschen Schulsystem abkoppelt. Welche Eltern kommen hierher, wenn sie kein Äquivalent für ihr Gymnasium vorfinden?

Die einzige Veränderung der Schulstruktur, die sinnvoll wäre und auf Akzeptanz stieße, wäre die Abschaffung der Hauptschule und ihre Verschmelzung mit Real- und Gesamtschulen zu einer „Oberschule“ nach Brandenburger Vorbild. Der eigentliche Berliner Skandal besteht darin, dass man sich eine Hauptschule leistet, die nichts anderes ist als ein Sammelbecken der Gescheiterten. Das müsste die Sozialdemokraten mehr umtreiben als abgehangene Utopien, die unter den Bedingungen dieser Stadt nicht zu verwirklichen sind.

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