Meinung : Vatertest für Mikroben

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WAS WISSEN SCHAFFT

Von Alexander S. Kekulé

Sieben Monate nach den Bioterror-Anschlägen in den USA tappen die Ermittler immer noch im Dunkeln. Dabei sah zunächst alles gar nicht so schlecht aus. Schon bald nach den Anschlägen verkündete das FBI, die Milzbrand-Sporen seien derart fachmännisch hergestellt, dass sie nur aus einem der wenigen Biowaffen-Labore stammen könnten. Doch als die Verdachtsmomente auf eine Quelle innerhalb der USA hinzudeuten begannen, gerieten die Ermittlungen ins Stocken. Kritiker argwöhnten sogar, die US-Regierung habe womöglich mehr Interesse an der Ergreifung eines muslimischen Fanatikers als an einem Amerikaner, der sein Handwerk im Biowaffenprogramm des US-Militärs gelernt hat.

Nach Überzeugung des FBI stammen die fünf gefundenen Milzbrand-Briefe ohne Zweifel vom selben Täter: Sie trugen die gleiche Schrift und waren mit Klebeband zugeklebt, das nacheinander von derselben Rolle abgerissen wurde. Umso erstaunlicher ist, dass sich die Qualität des Sporen-Pulvers offenbar von Brief zu Brief verbesserte: Während die ersten Sendungen an einen Nachrichtensender und eine Zeitung relativ primitiv hergestelltes, grobes Anthrax enthielten, waren in dem drei Wochen später an Senator Daschle geschickten Brief hoch gereinigte Sporen – je höher der Anteil dieser widerstandsfähigen Dauerformen, desto gefährlicher die Bakterienmischung. Das zuletzt gefundene, an den Demokraten Leahy adressierte Todespulver übertraf schließlich an Qualität und Feinheit alles Vorhergegangene. Probierte der angebliche „Insider“ der Biowaffen-Szene, den das FBI als Täter vermutete, also wie ein Anfänger am Herstellungsverfahren herum? Nach monatelangen Verhören in den Reihen der ehemaligen Biowaffen-Entwickler des Militärs – einige von ihnen waren mangels Alternativen auch an den kriminologischen Untersuchungen beteiligt – hat das FBI jetzt die „Insider-Theorie“ wieder verlassen.

Der Geheimdienst ist offenbar mit der ungewöhnlichen Materie schlicht überfordert - seit dem Ende der militärischen Programme ist praktisches Know-how über biologische Kampfstoffe im Westen Mangelware.

Die Hoffnungen der unter öffentlichen Druck geratenen Ermittler richten sich jetzt auf ein neues Verfahren, mit dem der genetische Stammbaum von Milzbrandbazillen analysiert werden kann. Durch Vergleich winziger Abweichungen in der Erbinformation lassen sich die Vorfahren der Sporen feststellen – ähnlich wie bei einem forensischen Vaterschaftsgutachten.

Da der Ames-Stamm in der Natur so gut wie nie vorkommt – lediglich eine Kuh und eine Ziege wurden in den letzten 20 Jahren infiziert – , müssen die Sporen der Anthrax-Anschläge aus einem Labor stammen. Trotzdem ist keineswegs sicher, ob der erst vergangene Woche veröffentlichte Gentest in der Praxis funktioniert: Voraussetzung wäre, dass Labore aus der ganzen Welt ihre Proben vom Typ „Ames“ für den genetischen Vergleich zur Verfügung stellen. Falls die für die Anschläge verwendeten Sporen aus dem Irak oder der ehemaligen Sowjetunion stammen, wäre das Vergleichsmaterial kaum zu bekommen. Dann bliebe den erfolglosen Ermittlern nur, auf einen Glückstreffer zu hoffen wie seinerzeit beim Attentäter von Oklahoma: Der wurde nach 18 Jahren von seinem Bruder verpfiffen.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Mikrobiologie an der Universität Halle.

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