Verantwortung in der Politik : Mit dem Amt bezahlen

Innerhalb von zwei Wochen reden wir zwei Mal über das Gleiche. Wir reden über die Ausdauer von Bürgermeistern.

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Im einen Fall heißt er Ole von Beust und regierte in Hamburg, im anderen Fall Adolf Sauerland und regiert in Duisburg. Beust ist ohne äußeren Anlass zurückgetreten, aus Lustlosigkeit.

Sauerland ist Mitglied einer christlichen Partei, bestimmt sagt ihm der Name „Jesus“ etwas. Jesus war, wie die Christen glauben, frei von Sünde, unschuldig, und er ist freiwillig am Kreuz gestorben, um stellvertretend die Sünden der Menschen auf sich zu nehmen. Er war ein Sündenbock. Der französische Kulturanthropologe René Girard hat viele Jahre über das Phänomen „Sündenbock“ geforscht. Offenbar gibt es den Sündenbock, auf irgendeine Weise, in jeder Kultur. Das Bedürfnis nach dem Sündenbock ist fast so tief in uns Menschen verankert wie das Bedürfnis zu essen. Wenn eine Gemeinschaft durch ein Ereignis erschüttert wurde, dann braucht sie jemanden, den sie symbolisch aus ihren Reihen ausstößt und der sie von ihren eigenen Schuldgefühlen entlastet.

Manchmal ist der Sündenbock unschuldig. Manchmal ist er tatsächlich schuldig. Bei der Katastrophe der Loveparade haben, nach heutigem Kenntnisstand, mehrere Personen und Institutionen Fehler gemacht, der Veranstalter, der Bürgermeister, die Medien, vielleicht auch die Polizei. Für diese Fehler und das Leid der Opfer muss jemand mit seinem Amt bezahlen – und das ist eben keine juristische Frage, keine Frage von Schuld oder Unschuld. Es hängt damit zusammen, wie Menschen funktionieren und wie Gesellschaft funktioniert. Wenn ein Politiker zurücktritt, der vielleicht nicht einmal etwas falsch gemacht hat, nur, weil er Verantwortung übernimmt für die Fehler anderer, dann ist das ein symbolischer Dienst an der Gemeinschaft, die ihn gewählt hat. Der Politiker, der aus Verantwortung zurücktritt, zeigt, dass er seine Aufgabe wichtiger nimmt als sich selbst. Er ist nur ein Stellvertreter, als Stellvertreter nimmt er die Schuld anderer auf sich. Solche Rituale sind manchmal notwendig, wie Beerdigungen, Geburtstage, Hymnen oder Fahnen, keine Gemeinschaft ohne Rituale.

Ob die Sorge um seine Altersversorgung Sauerlands Verhalten beeinflusst, lässt sich nicht beweisen. Indizien deuten darauf hin. Sauerland verdient 10 500 Euro im Monat, nicht viel für den Chef einer Großstadt. Politiker dürften ruhig mehr verdienen, wenn ihre Pensionen gleichzeitig auf ein vernünftiges Maß schrumpfen. Das wird seit Jahren gesagt, von vielen, es widerspricht auch kaum jemand, aber es passiert nichts, es wird ausgesessen, abgewartet, verschoben und taktiert, man tritt aus Lustlosigkeit zurück, aber nicht aus Verantwortung, wie üblich im Deutschland des Jahres 2010.

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