Verbraucherschutz : Holzspiele bei der Stiftung "Krebstest"

Die Stiftung Warentest warnt vor "krebserzeugenden" Stoffen im Spielzeug. Tatsächlich ist es ein falscher Alarm - denn solche Stoffe kommen selbst im Salat vor. Aufklärend ist das nicht, aber die Studien der Verbraucherschützer haben anders vor.

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Stoffe im Holzspielzeug: Gefährlich oder verzeihlich?
Stoffe im Holzspielzeug: Gefährlich oder verzeihlich?Foto: dpa

Was dem Katholiken der Heilige Stuhl, ist dem deutschen Verbraucher die Stiftung Warentest. Eine über jeden Zweifel erhabene Einrichtung, die höchste Instanz im Verbraucherschutz, deren Veröffentlichungen quasi amtlichen und unfehlbaren Charakter haben. Zeit, ein wenig zu zweifeln.

Pünktlich zum beginnenden Weihnachtsgeschäft stellten die Berliner Verbraucherschützer Ende vergangener Woche ihren Test von Holzspielzeug für Kleinkinder vor, also etwa Holzeisenbahnen und Greifautos. Eltern, die vom künstlichen Plastik zum vermeintlich „gesünderen“ Holz für ihre Kleinsten auswichen, werden sich mit Grausen abwenden. Das Ergebnis sei „schockierend“, versicherte Stiftungsvorstand Hubertus Primus der Presse. „Gesundheitsgefährdende Schadstoffe“ belasteten zwei Drittel der 50 getesteten Spielzeuge. Im eher knappen Bericht im „Test“-Magazin und einem dazugehörigen Infokasten tauchen Wörter wie „Krebs“ oder „krebserzeugend“ rund ein Dutzend Mal auf. Die Übeltäter sind Formaldehyd, Nitrosamine, Farbmittel und PAKs, bestimmte Kohlenwasserstoffe.

Wer das liest, gewinnt den Eindruck, dass man nach Berühren eines belasteten „sympathisch grinsenden Holzfroschs“ (Stiftung Warentest) am besten keine Pläne fürs Wochenende mehr machen sollte. Aber dieser Eindruck täuscht. Wie giftig ein Stoff ist, ist eine Frage der Dosis. Ein gefährliches Gift in niedriger Dosis ist harmlos, eine wenig giftige Substanz in hoher Dosis gefährlich. Diese Grundwahrheit verschweigt die Stiftung Warentest. Und natürlich wüsste man gern, wie groß die Menge oder Konzentration der gefundenen Schadstoffe war – leider ebenso Fehlanzeige. Das ist wichtig, weil moderne Verfahren winzigste, gesundheitlich belanglose Spuren einer Chemikalie nachweisen.

Krebserregende Chemikalien kommen selbst im Gemüse vor

Ob eine Substanz krebserregendes Potenzial hat, wird hauptsächlich in Tierversuchen geprüft. Ratten oder Mäuse werden über längere Zeit sehr hohen Dosen eines Stoffes ausgesetzt. Erkranken die Tiere, ist das ein Indiz. Umstritten ist, ob es erlaubt ist, den Krebsverdacht direkt auf den Menschen zu übertragen und für eine sehr niedrige, oft nur kurzzeitig aufgenommene Dosis anzunehmen. Die Befürworter, zu denen offenkundig die Stiftung Warentest gehört, argumentieren mit dem Vorsorgeprinzip (sicher ist sicher). Vorrangig von Bedeutung ist die Risikoeinschätzung in der Industrie, in der täglich mit gefährlichen Chemikalien umgegangen wird. Ob dagegen etwa Formaldehyd im Alltag von Belang ist, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.

Die Warentester wollen Gutes bewirken. Sie mag die Idee umtreiben, die Welt der Verbraucher frei von Schadstoffen zu machen. Das ist auch deshalb zum Scheitern verurteilt, weil selbst Obst und Gemüse von Natur aus jede Menge Chemie enthalten. Etwa Stoffe, mit denen sich Pflanzen dagegen wehren, von unsereins verspeist zu werden. In frischem Salat finden sich Anilin (Blasenkrebs!), Benzaldehyd (gesundheitsschädlich) und Wasserstoffperoxid (ätzend), im ach so gesunden Broccoli Furfural (Krebsverdacht!) und in Kaffee, der nach neuen Studien lebensverlängernd wirken kann, gar das krebserregende Benzol und manches mehr. Auch Formaldehyd kommt natürlicherweise in praktisch jedem Obst und Gemüse vor.

Der Schlachtruf "Krebsgefahr!" dient nur der Aufmerksamkeit

Pflanzenfresser haben es im Lauf der Evolution gelernt, sich gut dieser Attacke aus der Giftküche von Mutter Natur erwehren. Mehr noch: Gifte in geringer Dosis stimulieren Abwehrmechanismen und regen die Reparatur von Schäden in Zelle und Erbgut an.

Krebs ist eine komplexe Erkrankung, seine Entstehung meist ein langwieriger, mehrstufiger Prozess. Der mit Abstand wichtigste Risikofaktor ist das Alter, Chemiegifte spielen in der Gesamtbilanz in der Regel eine untergeordnete Rolle. Noch immer erscheint das Leiden unerklärlich und unheimlich. Wer dann einen Schadstoff als vermeintlichen Übeltäter ausgemacht hat, hat vielleicht den Dämon der Krankheit ein wenig gebannt, das Unerklärliche erklärt. Aber nur vordergründig.

Eigentlich hat es die Stiftung nicht nötig, Panik zu verbreiten. Auch ohne alarmistische Untertöne ergibt der Spielzeugtest ein gutes Bild von der Qualität der geprüften Ware. Vielleicht will man sich im Mediengetümmel mit dem Schlachtruf „Krebsgefahr!“ Gehör verschaffen.

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