Meinung : Verbündet verfeindet

Türken und Kurden sind Verbündete der USA im Krieg – und prallen jetzt aufeinander

Susanne Güsten

Der Irak-Krieg ist noch keine drei Tage alt, da drängt sich schon die Frage nach der Nachkriegsordnung in den Vordergrund: Im Nordirak drohen militärische Auseinandersetzungen zwischen der türkischen Armee und dortigen Kurdengruppen. Die USA sehen sich als natürliche Schlichter in dem absehbaren Konflikt, doch Washington hat in den vergangenen Monaten bei beiden Seiten viel Vertrauen verspielt.

Die Türkei und die nordirakischen Kurden haben gegensätzliche Interessen. Ankara ist daran gelegen, dass sich die kurdische Selbstverwaltung nicht zu einem Kurdenstaat auswächst. Die Kurden fürchten um die seit dem Golf-Krieg von 1991 gewonnene Freiheit. In den vergangenen Jahren hatten sich beide Seiten aber arrangiert – weil die Alternative sehr viel ungemütlicher ausgesehen hätte. Die Türkei hätte sich den Nordirak schon einverleiben müssen, um die Kurden dort völlig unter Kontrolle zu bringen. Und die Kurden hätten einen Dauerkrieg gegen die überlegene türkische Armee riskiert, wenn sie sich gegen die regelmäßigen türkischen Einmärsche gewehrt hätten, die ohnehin nicht den nordirakischen Kurden galten, sondern den türkischen Kurden der PKK.

Dieses Arrangement verlief nicht immer ohne Spannungen, aber zumindest ohne ernsthafte Auseinandersetzungen. Damit ist es jetzt vorbei – mit dem absehbaren Ende der Herrschaft Saddam Husseins ist auch das Ende der delikaten Balance im Nordirak gekommen. Die USA brauchen Nordirak für den Marsch auf Bagdad und versuchten in den vergangenen Monaten, Türken und Kurden gegeneinander auszuspielen. Sie sagten den Kurden mehr Rechte in einem neuen Irak zu, während sie den Türken versprachen, sie dürften die Kurdengruppen im Nordirak nach dem Krieg selbst entwaffnen.

Die USA können zwar militärisch dazwischengehen, wenn Kämpfe zwischen ihren beiden Verbündeten ausbrechen. Aber eine langfristige politische Einigung unter Vermittlung von Washington dürfte sehr schwer fallen, weil Türken und Kurden den Amerikanern nicht mehr trauen. Washington kann nach einem Sturz von Saddam Hussein übergangsweise für Stabilität im Nordirak und in den anderen Landesteilen sorgen. Aber das ist auf lange Sicht keine Lösung. Die kann nur durch Gespräche aller Beteiligten ausgehandelt werden – am besten unter der Schirmherrschaft der von den USA so belächelten Vereinten Nationen.

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