Meinung : Verdi: Größe als Stärke

Manchmal muss erst der Kopf des Anführers fallen, damit der Rest der Truppe zur Besinnung kommt. Als Herbert Mai, Vorsitzender der Gewerkschaft ÖTV, im vergangenen November wegen einer misslungenen Probeabstimmung über Verdi zurücktrat, beerdigte er in seiner Abschiedsrede die vereinte Dienstleistungsgewerkschaft: "Verdi ist nicht mehr machbar." Aber das hatten die ÖTV-Delegierten dann doch nicht gewollt - die Großfusion tot und auch noch der Vorsitzende weg. Der Schock fuhr den Königsmördern derart in die Glieder, dass die Wirkung noch heute anhält. Die Delegierten haben umgeschwenkt: In Berlin beschloss die ÖTV gestern ihr Ende und macht damit den Weg frei für Verdi. Das größte Reformprojekt in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung ist somit in trockenen Tüchern, zum Feiern kommen Bundespräsident und Kanzler.

An einem guten Verhältnis zur weltweit größten Gewerkschaft dürfte Gerhard Schröder eine Menge liegen. Aber wird Verdi wirklich so mächtig und einflussreich, wie sich das die fünf beteiligten Gewerkschaften erhoffen? Wer für knapp drei Millionen Mitglieder spricht, der wird sicher anders von Politik und Arbeitgebern wahrgenommen als die Postgewerkschaft oder die DAG. Aber es spricht einiges dafür, dass Verdi weniger sein wird als die Summe seiner fünf Teile. Ähnlich wie fusionsgeplagte Unternehmenschefs weisen die Arbeitnehmerfunktionäre immer wieder auf die unterschiedlichen Kulturen hin und fordern Geduld; der Zeitrahmen des Zusammenwachsens von Verdi reicht denn auch bis 2007. Die simple Formel "Größe gleich Stärke" liegt auch Verdi zugrunde. Doch werden sich die Mitglieder in dem Koloss heimisch fühlen? Und gehen Größenvorteile nicht in den bürokratischen Windungen einer Riesenorganisation mit ihren unzähligen Gremien verloren?

Wie die meisten Fusionen in der Wirtschaft ist auch Verdi aus der Not geboren. Die beteiligten Gewerkschaften haben in den letzten Jahren rund ein Drittel ihrer Mitglieder verloren. Damit die Schwachen nicht noch schwächer werden, fusionieren sie. Zusammengehen, um nicht unterzugehen. Dabei ist der Name Programm: Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft. Die Gewerkschaften, ursprünglich Produkte des Indus-triezeitalters, stellen sich neu auf. Das wird auch Zeit. In der Jugend und bei Frauen, gut ausgebildeten Angestellten, Scheinselbstständigen oder Zeitarbeitnehmern bekommen die Gewerkschaften kein Bein auf die Erde. Oder die New Economy: Rund 1,5 Millionen Arbeitnehmer gibt es in den jungen Wachstumsbranchen. Gewerkschaftsmitglieder sind kaum darunter.

Flexibilisierung und Deregulierung sind die Trends in der Wirtschaft; Arbeitsbeziehungen werden zunehmend auf der betrieblichen Ebene geregelt, der Flächentarifvertrag bröckelt; neue Produktions- und Managementmethoden stellen neue Anforderungen auch an die Gewerkschaften. Allein eine Reform der Betriebsverfassung wird den Arbeitnehmerorganisationen nicht helfen, sich auf die veränderte Wirklichkeit einzustellen. Vielleicht schafft das Verdi: Vielfalt soll jedenfalls das Markenzeichen der Großorganisation werden, die sich aus 13 Fachbereichen zusammensetzt. 13 Gewerkschaften in einer - das kann auf der einen Seite den Vorteil der Größe haben und auf der anderen Dezentralität und Mitgliedernähe ermöglichen. Damit die Dienstleistungsgewerkschaft ein wirklicher Dienstleister für ihre Mitglieder wird. Verdi muss klappen, denn es geht dabei - so sagt der an Verdi gescheiterte Herbert Mai - um die Zukunft der gesamten Gewerkschaftsbewegung.

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