Verdichtete Bildungszeit : Berliner Schule ist allgemeine Mangelverwaltung

Jeder nach seinen Fähigkeiten und in seinem Tempo zum Abitur, das ist das Versprechen der Berliner Schule. Doch Schule ist allgemeine Mangelverwaltung, nicht nur in Brennpunktschulen mit sozialen Problemen.

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Schüler reagieren auf die ungeheure Beschleunigung und Verdichtung von Jugendzeit mit Verweigerung gegen die Fremdbestimmung. Foto: dpa
Schüler reagieren auf die ungeheure Beschleunigung und Verdichtung von Jugendzeit mit Verweigerung gegen die Fremdbestimmung.Foto: dpa

Immer auf die Schwächsten. Ja, das sind die Schüler – besonders jene, die jetzt Abitur-Klausuren schreiben. Mehr Geld für angestellte Lehrer in Berlin zu fordern mag berechtigt sein. Ein Streik im Abi-Stress aber, mit den Schülern als Geiseln, diskreditiert sowohl die Forderung als auch den Berufsstand. Was sind das für Pädagogen, die ihre Schüler in den Stunden höchster Anspannung allein lassen? So den Senat unter Druck setzen zu wollen, darauf können nur sture GEW-Apparatschicks kommen.

Auch das noch. Immerhin geht es beim Abitur um die Zukunft von vielen tausend Schülern. Dabei ist das Unbehagen über die Zumutungen schon groß genug. Was tun wir unseren Kindern an, fragen sich Eltern angesichts einer radikal verdichteten Bildungszeit: Kitas werden ab drei Jahren zu Bildungseinrichtungen, mit fünf Jahren wird eingeschult und mit 17 Jahren Abitur gemacht. Erst „G 8“ und Ganztagsschule, die keine Zeit für Hobbys lassen und für ein Austauschjahr erst recht nicht, dann rasch ein Bachelor-Studium, das mehr mit Pauken zu tun hat als mit der Einübung ins freie Denken. Bloß schnell fit werden für den Berufseinstieg, im Namen der globalen Konkurrenzfähigkeit. Und auch für manche Eltern kann es gar nicht früh genug beginnen, die Kinder auf Leistung zu trimmen.

Jeder nach seinen Fähigkeiten und seinem Tempo zum Abitur, das ist das Versprechen der Berliner Schule: Die talentierteren Schüler turbomäßig in zwölf Jahren auf dem Gymnasium und die anderen an den Sekundarschulen weiterhin nach 13 Jahren. Auch das fördert Chancengleichheit. In zwölf Jahren zur Reife zu gelangen ist zu schaffen – wenn die Bedingungen stimmen. Das aber tun sie in Berlin nicht; Schule ist allgemeine Mangelverwaltung, nicht nur in den Brennpunktschulen mit sozialen Problemen.

Und die Heranwachsenden? Die reagieren auf die ungeheure Beschleunigung und Verdichtung von Jugendzeit mit Verweigerung gegen die Fremdbestimmung. Immer mehr Jugendliche legen nach dem Abitur erst einmal ein Sabbatjahr ein – manche auch unfreiwillig, weil der Numerus clausus sie auf eine Warterunde schickt. Und schon ist der ganze Zeitgewinn wieder futsch. Da verwundert die Unicef-Studie nicht, dass deutsche Jugendliche trotz Wohlstands wegen des so empfundenen, permanenten Leistungsdrucks weit unzufriedener sind als die Altersgenossen aus Europas Krisenländern.

Doch darüber, was Schule leisten sollte an Wissensvermittlung und Persönlichkeitsbildung, wird kaum geredet. In Berlin wird kindliche Neugier und Lernbegierde leicht erstickt durch Organisationszwänge, überlastete Lehrer und Zeitdruck. Für Bildung, die tiefer schürft und Zusammenhänge verständlich macht, fehlt die Zeit; wichtiger ist die Fähigkeit, Bausteine fix zu Seminararbeiten zusammenzugoogeln. In England sind viele Schulen deswegen attraktiv, weil dort gelehrt wird, wie man richtig lernt, Essays schreibt und diskutiert, oder weil sie Jugendlichen zur Aufgabe machen, sich sozial zu engagieren, um Lebenserfahrung zu sammeln. Hier wollen Kinder nur schnell fertig werden mit der Paukerei.

Im vergangenen Jahr wurden viele Probleme noch dem doppelten Abitur-Jahrgang zugeschrieben. Doch die vielen Schüler, die aktuell bei „G 8“ ein Jahr wiederholen, weil sie nicht mehr mithalten oder dem Druck entfliehen wollen, sind alarmierend. Das alles verstärkt den Frust. Denn Glück und Zufriedenheit erwächst nicht daraus, es nur hinter sich gebracht, sondern in der Schule etwas fürs Leben gelernt zu haben.

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