Meinung : „Vergesst beim Spielen das Lachen nicht“

Philipp Lichterbeck

Vielleicht ist das Erstaunlichste am Aufstieg des Gustavo Dudamel die Unbekümmertheit, mit der er dem Erfolg begegnet. Da ernennt das Los Angeles Philharmonic den 26-Jährigen vor wenigen Tagen zum neuen Chefdirigenten. Die Kommentatoren sprechen von „Erdbeben“, nennen den Venezolaner einen „Feuerball aus Energie und Enthusiasmus“ und vergleichen ihn mit Leonard Bernstein. Und was gibt Dudamel zu Protokoll? „Mir schmecken die Hot Dogs hier ganz gut.“ Was er bis zum Jahr 2009 machen werde, wenn er den Posten in Los Angeles antritt? – „Studieren, essen, ein bisschen rennen.“ Auch das: falsche Bescheidenheit.

Denn schon heute Abend erwartet der Papst den Dirigenten mit den langen Korkenzieherlocken. Dudamel wird das Geburtstagskonzert für Benedikt XVI. leiten. Gespielt werden auf Wunsch des Pontifex unter anderem Mozart und Dvorak. Der Auftritt im Vatikan sei für ihn der emotionale Höhepunkt seiner bisherigen Karriere, sagt Dudamel. Und diese ist untrennbar mit seiner Heimat Venezuela verknüpft.

Geboren wurde Dudamel 1981 in der Stadt Barquisimeto, er stammt aus einfachen Verhältnissen. Als er vier Jahre alt ist, nimmt sein Vater ihn zu einer der Musikschulen mit, die damals überall im Land für benachteiligte Kinder gegründet werden. Bis heute haben mehr als eine halbe Million Jugendliche die kostenlose Ausbildung durchlaufen, darunter Straßenkinder, misshandelte Mädchen und auch Kriminelle. „Ich verdanke dem System alles“, sagt Dudamel, der auch heute noch in Venezuela unterrichtet. Simon Rattle, Chef der Berliner Philharmoniker, sieht in dem System sogar „die Zukunft der klassischen Musik“.

Schnell förderte man dort Dudamels Talent, und mit 17 Jahren dirigierte er das größte Jugendorchester Lateinamerikas. Es wurde zum Geheimtipp. Denn die Truppe spielte auch komplizierte Stücke mit mehr Rhythmus, mehr Spaß, mehr Feuer und karibischem Elan, als es Konzertgänger in Europa und den USA gewohnt waren. In Münchens Philharmonie tanzten die Zuschauer sogar auf den Stühlen.

Seinen Musikern sagt Dudamel: „Vergesst das Lachen nicht.“ Diese unkomplizierte Art macht ihn bei Orchestern beliebt. So wünschte sich das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, das heute im Vatikan spielt, ausdrücklich, dass er dirigieren solle. Zum Konzert möchte Dudamel nicht viel sagen. Der Papst stehe im Mittelpunkt, lässt er ausrichten. Musikfans mögen das anders sehen.

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