Meinung : Vergesst die Ostdeutschen nicht

Wer sie im Wahlkampf gewinnt, gewinnt viel

Stephan-Andreas Casdorff

Wer hat die Wahlen 2002 entschieden? Wer hat die Wahlen wo gewonnen? Richtig: Vergesst mir die Ostdeutschen nicht! Bundeskanzler wurde Gerhard Schröder (wieder), weil ihm die Menschen in Neufünfland ihr Vertrauen gaben. Die Vertrauensfrage dort hat er seither noch immer gewonnen. Dass die Ostdeutsche Angela Merkel bisher im Westen mehr gepunktet hat, ist dann insofern eine interessante Tatsache, als im Osten die Stärke der Figuren nach eigenem Maß bewertet wird.

Ja, es ist bitter und falsch zugleich, dass gerade jetzt so wenig von denen geredet wird, die mehr Veränderungen haben mitmachen müssen, als sie den Westdeutschen wohl je abverlangt werden. Überleben in einer Diktatur, leben in einer sich ständig rasant verändernden Welt, diese Herausforderung muss erst mal einer bestehen. Kein Wunder, dass sich angesichts dessen ostdeutsche Arbeitnehmer ausgebeutet fühlen. Der Lohn für ihre Arbeit ist geringer, buchstäblich und im übertragenen Sinn. Wer darauf keine Rücksicht nimmt, wer dieses Potenzial – auch Protestpotenzial – vergisst oder nicht genügend beachtet, der wird bei der Wahl verlieren. Mindestens Prozentpunkte.

Auch das Jahr 2004 war noch von alten Reflexen beherrscht, von alten Widersprüchen, die besonders heftig hervortraten, als nach dem Bericht von Regierungsberater Klaus von Dohnanyi das Wort vom „Jammertal Ost“ in aller Munde war. „1250 Milliarden Euro wofür?“, schrieb der Spiegel. Die so genannten Transferleistungen wurden mit den schlechten Konjunkturdaten Gesamtdeutschlands in einen Zusammenhang gebracht, und auch wenn Ökonomen dem entgegenhielten, es seien vielmehr die in der Vereinigungseuphorie versäumten Strukturreformen – der Eindruck hielt sich, der Osten sei ein Fass ohne Boden. Er hält sich bis heute, weil das Bild der Ostdeutschen mehr von Protesten als von ihrem Beitrag zu den Veränderungen der letzten 15 Jahre geprägt ist.

Ostdeutsche aber haben, beispielsweise, dazu beigetragen, den traditionellen Pazifismus der westdeutschen Linken zu überwinden. Sie haben die Einstellung verändert zu Frauen-Berufstätigkeit, Familie und Beruf: Die OECD hat 2004 festgestellt, dass Westdeutschland dem Ausbau der Betreuung von unter Dreijährigen lange im Wege gestanden habe. Ostdeutschland war dabei vorbildlich. Oder nehmen wir die Flexibilität des Arbeitszeitmodells, das BMW veranlasste, sich für Leipzig zu entscheiden, nicht für Tschechien. Oder das neue Interesse an Orten integrierter medizinischer Betreuung, vormals Polikliniken genannt. Oder die stärkere Rolle der Naturwissenschaften im Schulcurriculum. Oder das Elterngeld, an dem jetzt auch die Union Gefallen findet.

Kurz: Eine Menge tut sich, kommt aus Ostdeutschland – nur sagt es keiner so laut, dass es den Westen erreicht. Wer sich aber zum Sprecher der Vergessenen macht, wer damit akzeptiert wird, wird Stimmen sammeln. Und, nebenbei, einer Vision dienen: der inneren Einheit Deutschlands. Die bleibt ein staatliches Versprechen.

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