Meinung : Verklausulierung

Zur Inklusion

In der Schule werden „Menschen mit besonderen Fähigkeiten“ sortiert nach dem Grad und der Ausprägung ihrer Schwächen. Körperbehinderungen (inkl. Seh- und Hördefiziten) sind kein Handicap für eine „höhere“ Schule. Deshalb können sich die Kollegien in den Gymnasien entspannt zurücklehnen: Ein bildungshungriger Rollifahrer ist erfolgreicher zu beschulen als ein renitenter Normalschüler. Hier haben wir das Problem, und das ist alles andere als political correct: Der größte Teil der von den aus wohl finanziellen Gründen so frühzeitig geschlossenen Förderzentren auf die öffentlichen Schulen verteilten Schüler hat die „besonderen Fähigkeiten“ Sprachschwierigkeiten, vermindertes Lernvermögen und emotional-soziale Defizite. Das sind Schüler, die einen hohen Betreuungsaufwand bei geringer Schülerfrequenz benötigen und an Gymnasien spätestens nach dem selektiven Probejahr scheitern. Die Bedeutung dessen wird der Öffentlichkeit bisher nicht erklärt. Wir haben damit ein neues dreigliedriges Schulsystem: die Integrierte Sekundarschule (ISS) ohne, die ISS mit gymnasialer Oberstufe und die Gymnasien. Neu ist, dass die pro Schüler zugeteilten Förderstunden als erstes in den Vertretungspool einsickern. Eine grandiose Verklausulierung der Bildungsverwaltung: Wir haben pro Inklusionskind zwei bis drei Stunden Doppelsteckung, es fällt im Endeffekt aber nicht auf, wenn diese Stunden woanders verbraten werden, um der Öffentlichkeit möglichst wenig Unterrichtsausfall zu verkaufen. Wir sollten uns entscheiden, ob Bildung für alle in Deutschland Priorität haben sollte.

Thomas Grützmann, Lehrer an einer ISS in Tempelhof-Schöneberg

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