Verkürzte Gymnasialzeit : Geraubte Jugend

Die verkürzte Gymnasialzeit macht Schüler zu Sklaven eines selbstverliebten Bildungssystems. Die Jugendlichen werden zu Lernrobotern, denen die Freude am Leben und Erleben genommen wird.

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Dieser Tage bei der Berufsberatung in einem Berliner Gymnasium. Die eine Hälfte der Jugendlichen geht in die zwölfte, die andere in die elfte Jahrgangsstufe. Die Älteren gehören der letzten Klasse an, die noch nach 13 Schuljahren Abitur macht. Die Jüngeren sind die ersten, bei denen sich G 8, also die verkürzte Gymnasialzeit, auswirkt. Man kann es auch so sagen: Sie sind deren erste Opfer.

Während nämlich die Zwölftklässler geradezu begeistert von ihrer Schulzeit erzählen, die vielfältigen Anregungen loben, derer sie teilhaftig wurden und dabei einen entspannten Eindruck machen, wirken die aus der elften Klasse merkwürdig zurückgenommen bei der Frage nach der Schulzeit. Kein Wunder: Sie haben als Erste die Folgen der Reform erlebt. Bis zu acht Schulstunden pro Tag, dazu Arbeitsgemeinschaften und natürlich Hausaufgaben in allen Fächern. Zeitraubende Hobbies wie die Mitgliedschaft in einem Sportverein oder gar Musikstunden sind für G-8-Schüler von der Regel zur Ausnahme geworden. Das Auslandssemester, eine Erfahrung, die in einer globalisierten Welt eher wichtiger als nachrangiger zu werten wäre, klappt nun nur noch selten.

Im Grunde kann man seit der Einführung von G 8 an allen zum Abitur führenden Schulen das gleiche beobachten – die Jugendlichen werden zu Lernrobotern, denen die Freude am Leben und Erleben genommen wird. Und glaube doch niemand, dass Lehrer an dieser Neuregelung Vergnügen haben. Die Zahl der Schüler ist ja nicht zurückgegangen, aber die Belastungen durch enge Stundenpläne und voluminöse Curricula sind deutlich angewachsen.

Natürlich wollte das niemand so, klar, wer bekennt sich schon als vorsätzlicher Kinderquäler. Die Kultusministerien hatten gemeint, das eine Schuljahr opfern zu müssen, damit deutsche Kinder beim Studienbeginn nicht älter als die der europäischen Nachbarn sind. Die Kultusbürokratien der Länder aber, Repräsentanten eines selbstverliebten Bildungssystems, verweigerten die notwendigen Konsequenzen aus der politischen Willensbekundung ihrer Dienstherren. Sie entrümpelten die Lehrpläne nicht etwa in angemessener Weise, sondern versuchten, das Schulbuchwissen von bislang neun fast in vollem Umfang in acht Gymnasialjahre hineinzupressen.

Die Eltern, die jetzt für grundständige Berliner Gymnasien beim Bildungssenator die Einrichtung zusätzlicher fünfter Klassen beantragen, sind vom gestiegenen Interesse an nachgefragten Gymnasien getrieben. Sie sollten sich nicht zu sicher sein, ihren Kindern damit einen Gefallen zu tun. Gut möglich hingegen, dass sich die bislang noch nicht so beliebten Sekundarschulen, die in 13 Schuljahren zum Abitur führen, bald wachsender Beliebtheit erfreuen. Gerade unter den gerechten Bedingungen des Zentralabiturs zählt allein der Notenschnitt für die Studienberechtigung und nicht die Schule, an der er erreicht wurde. Und ob die Reifeprüfung nach zwölf Jahren oder einem mehr abgelegt wurde, fragt auch niemand nach.

G 8 in der jetzigen Form ist jedenfalls ein Beispiel dafür, dass der hochgelobte Bildungsföderalismus nicht davor feit, dass eine Reform gründlich in die Hose geht.

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