Meinung : Vermittler gesucht

Hauptsache geschlossen: Die IG Metall und ihr unmögliches Führungsduo

Alfons Frese

Vielleicht hat der Bundeskanzler die Wahl entschieden. Vielleicht würde der Hannoveraner Jürgen Peters ohne die Unterstützung des Hannoveraners Gerhard Schröder nicht zum Ersten Vorsitzenden der IG Metall gewählt werden. Kann schon sein. Jedenfalls hat die sozialpolitische Debatte hierzulande mit der Reformrede des Kanzlers Mitte März eine Richtung bekommen, die bei Arbeitnehmern und Arbeitslosen ziemlich eindeutig wahrgenommen wird: Es geht gegen uns.

Die Gewerkschaften sehe sich in die Ecke der Bremser und Blockierer gestellt. Attacken von den Herren Merz und Westerwelle sind die Zwickels und Bsirskes gewohnt. Aber bitter schmeckt die Erkenntnis, dass sich „ihr“ Kanzler abwendet, dass sich eine sozialdemokratische Politik ankündigt, die keine Rücksicht nimmt auf die Sichtweisen der Gewerkschaften. In dieser Zeit will gut überlegt sein, was für einen Typus Funktionär man an die Spitze der noch immer weit und breit mächtigsten Gewerkschaft wählt: einen Modernisierer, der das Neue wagt und keine Tabus kennt, oder einen Kämpen von altem Schrot und Korn, der sich großes Misstrauen gegenüber dem Kapitalismus bewahrt hat – Berthold Huber oder Jürgen Peters.

Der Vorstand der IG Metall hat überraschen für Peters votiert, nachdem eine erste Abstimmung unentschieden endete. Aber eine Richtungsentscheidung hat der Vorstand nicht getroffen. Jedenfalls nicht bewusst. Vielmehr haben die 40 Metaller in geheimer Abstimmung durchaus organisationspolitische Rationalität bewiesen. Die Doppellösung Peters-Huber verhindert eine Kampfkandidatur der beiden auf dem Gewerkschaftstag im Oktober. Davor hatten die Funktionäre beinahe panische Angst. Wenn die Angriffe von allen Seiten kommen und man selbst eher durcheinander ist, hält man die Reihen besser geschlossen. Und das ist auch schon das ganze Kalkül dieser Personalentscheidung der IG Metall: unbedingt die Geschlossenheit wahren.

Das ist schade, denn mit Huber wären mehr Wagemut und Experimentierfreude an die Gewerkschaftsspitze gekommen. Immerhin: Huber wird Zweiter Vorsitzender und kann so vielleicht auch einem starrköpfigen Peters die Augen für die Zukunft öffnen. Das wird so kommen müssen, denn bislang ist Peters noch nicht durch weit reichende Vorstellungen über die Zukunft der Gewerkschaft aufgefallen. Sicher bleibt die IG Metall groß und stark, wenn alles so bleibt, wie es ist. Die IG Metall hat mehr als doppelt so viele Mitglieder wie SPD und CDU zusammen, und das wird sich auf absehbare Zeit auch nicht ändern. Aber die Rolle der IG Metall ändert sich – und auch ihr Gewicht.

Wenn Peters nicht scheitern will, dann muss er drei Fragen beantworten. Erstens: Wie stellt sich die IG Metall gegenüber der Politik auf, welcher Umgang mit den Regierungen verspricht den größten Erfolg? Will sie mitgestalten oder blockieren? Sagt sie Nein, oder macht sie eigene Reformvorschläge? Zweitens: Wie muss künftig Tarifpolitik aussehen? Wenn Peters meint, mit Einheitslösungen über ganze Betriebe, Branchen und Regionen hinweg weitermachen zu können, dann wird er zum Totengräber des Flächentarifvertrags. Hubers Ansatz trägt hier viel weiter. Er will nämlich mit deutlich mehr Differenzierung bei Einkommen und Arbeitszeit den Tarifvertrag an die vielfältige Arbeitswelt anpassen.

Drittens: Wie macht man die Gewerkschaft attraktiv für Junge, Angestellte und Frauen, die bislang unterrepräsentiert sind. In der Industrie gibt es immer weniger Arbeitsplätze und mithin IG-Metall-Mitglieder. Also muss die Industriegewerkschaft Metall mit neuen Angeboten auf den Markt kommen. Zum Beispiel mit einer Qualifizierungsberatung, die das allerorten geforderte lebenslange Lernen begleitet. Schließlich ist das Image der Gewerkschaften ungefähr so wie eine Metallgießerei vor 30 Jahren – ziemlich verstaubt. Mit jungen, frischen Leuten in den wichtigsten Positionen kann man daran arbeiten. Huber gehört dazu.

Peters und Huber – dieses Führungsduo passt noch weniger zusammen als Zwickel und Peters. Um die heilige IG Metall vor Schaden zu bewahren, haben sich die Vorstandsmitglieder diese abenteuerliche Doppellösung einfallen lassen. Und aus Pflichtgefühl macht der unterlegene Huber mit. Man muss an Wunder glauben oder den beiden neuen Vorsitzenden einen hervorragenden Mediator wünschen, damit das einigermaßen funktioniert.

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