Meinung : Verrat am Erbe

Der Fall Eschenburg ist in Wahrheit ein Fall der Vereinigung für Politische Wissenschaft.

von
Der Autor ist Herausgeber des Tagesspiegels. Er hat Eschenburgs Erinnerungen bearbeitet (Siedler-Verlag 1995 und 2000).Foto: Spiekermann-Klaas
Der Autor ist Herausgeber des Tagesspiegels. Er hat Eschenburgs Erinnerungen bearbeitet (Siedler-Verlag 1995 und 2000).Foto:...

Die Abschaffung des Eschenburg-Preises ist ein Trauerspiel. Das macht schon ihre Begründung deutlich: Theodor Eschenburgs Verdienst um den Aufbau der bundesdeutschen Politikwissenschaft sei unbestritten, umstritten sei jedoch seine Rolle während der NS-Zeit und sein späterer Umgang damit. Das ist nicht nur ein beeindruckendes Exempel von „Augenwischerei“ (FAZ), sondern auch der freiwillig-unfreiwillige Versuch eines Vatermords. Was sonst als solch einen mythischen Akt bedeutet es, wenn eine wissenschaftliche Gesellschaft einem Gründervater des Faches den Rang aberkennt, den sie ihm mit der Benennung ihres wichtigsten Preises gegeben hat?

Der Vorstand der Gesellschaft hat ja im Übrigen in der Pressemitteilung zu der Entscheidung selbst zu erkennen gegeben, dass er weiß, wer Eschenburg war. Nicht nur einer der Begründer der Politikwissenschaft in der Bundesrepublik. Er war, so hebt sie hervor, vor allem eine bedeutende Gestalt des öffentlichen Lebens, ein „öffentlicher Professor“, der maßgeblich dazu beigetragen hat, die politische Bildung zu etablieren, „mit der er den Deutschen die junge Demokratie der Bundesrepublik nahebrachte“. Er habe sich „in unzähligen Reden und Artikeln als Streiter für die demokratischen Institutionen erwiesen“. Diese umfangreichen Verdienste, heißt es weiter, seien das „Hauptmotiv“ gewesen, den Preis nach ihm zu benennen.

Umso mehr muss sich der Vorstand der Gesellschaft die Frage gefallen lassen, was denn seine gravierende Entscheidung rechtfertigt, von der ihr so ziemlich die gesamte Elite der deutschen Politologen abgeraten hat, eingeschlossen fünf frühere Vorsitzende der Vereinigung und zwei ehemalige Träger des Preises. Denn die dafür ins Feld geführte Rolle Eschenburgs während des NS-Zeit besteht im Grunde genommen in einem Punkt: in seiner Beteiligung an einem „Arisierungsverfahren“. Und das soll ausreichen, die Verdienste, derentwegen er eine zentrale Figur der Nachkriegspolitologie war, auf einen Nullwert zu reduzieren? Dass er zeitweilig Mitglied in der Motor-SS war, hatte er ausführlich bereits in seinen Erinnerungen dargelegt und mit der Notwendigkeit erklärt, seine Bürogemeinschaft mit einem jüdischen Partner gegen die Bedrohung durch die NS-Bürokratie zu schützen.

Gewiss ist Eschenburgs Beteiligung an dem Arisierungsfall ein gravierender Vorgang. Aber was darüber bekannt ist, ist zumindest widersprüchlich, selbst die Akten, auf die sich Eschenburgs zeithistorischer Hauptankläger stützt, lassen ihn nach dessen Urteil keineswegs „als durchweg konsequenten Arisierer erscheinen“. Demgegenüber gehört zum Bereich des Unbestrittenen, dass Eschenburg kein Nazi war, gegenüber dem Regime so viel Distanz hielt, wie man es als Verbandsführer in einer NS-gelenkten Wirtschaft konnte – seitdem ihm 1933 die Möglichkeit politischen Wirkens genommen worden war, vertrat er Firmen der Kurzwarenbranche.

Tatsächlich ist die Erwartung eine Illusion, man werde in der Causa Eschenburg durch weiteres Schürfen in seiner Vergangenheit viel klüger werden. Seine Existenz im „Dritten Reich“ ist kein „großer weißer Fleck“, wie behauptet wird; er hat das Dilemma in seinen Erinnerungen eindringlich beschrieben, und an einer Hinrichtungsgrube stehend wird man ihn nicht finden.

Das Problem besteht vielmehr in der Frage, wie sich die Nachgeborenen eine Existenz im Dritten Reich vorstellen, die weder in nationalsozialistischer Mittäterschaft noch im Widerstand bestand.

War schon dafür, wer nicht dagegen war? Ab wann wurde Mitläufertum zur Komplizenschaft? Das ist die Figur, der anhand von Eschenburg der Prozess gemacht wird: der Mitläufer, der dem Dritten Reich den Widerstand schuldig geblieben ist und der in der Bundesrepublik das Bekenntnis zu den Schwachstellen der eigenen Biografie nicht erbracht hat. Weshalb es ein Amalgam widersprüchlicher Vorbehalte ist, das, ziemlich freihändig, zur Beweismasse gemacht wird – von reaktionären Äußerungen des jungen Studenten bis zum Respekt vor Hans Globke, dem berüchtigten Beamten im Innenministerium des Dritten Reiches und berühmten Staatssekretär Adenauers. Das Problem, vor dem die Politologen stehen, ist das Versagen vor diesem Dilemma.

Denn dieser Existenz im Dritten Reich ist nicht gerecht zu werden, ohne sich seine infame Doppelnatur zu vergegenwärtigen: eine totalitäre Diktatur, die noch immer über weite Strecken – wenn auch zunehmend rudimentärer – ein bürgerlicher Staat war. In dem der Normalfall, mit einem Wort aus der nächsten Diktatur ausgedrückt, „gebrauchte Menschen“ (Lothar de Maizière) sind. Also die zum Beispiel, um auf Eschenburg zurückzukommen, die an dem schändlichen Verfahren der „Arisierung“ beteiligt waren, mithin dem NS-System gaben, was es von ihnen forderte, aber zugleich das wirtschaftliche Interesse der von ihm vertretenen Kleinindustrie im Auge hatten – und das Weiterleben in einer sich bedrohlich zuspitzenden Epoche.

Stattdessen: Vatermord. Man fragt sich, was den Vorstand der Vereinigung geritten hat. Rache für 68? Tatsächlich hat der institutionell denkende Eschenburg dem damaligen Versuch, die Institutionen zu schleifen oder zu verunsichern, mit entschiedener Ablehnung gegenübergestanden. Oder ist es der Tribut einer jüngeren Politologengeneration an die Auseinandersetzung mit den Gründerfiguren ihrer Fächer, die in den letzten Jahren anderswo schon geführt worden ist? Bei den Historikern etwa, die entdeckten, dass die Leitfiguren ihrer Neuorientierung nach dem Krieg, die Conze und Schieder, sich als junge Leute in den Volkstumskampf im Osten geworfen hatten. Allerdings lässt der Umgang mit Eschenburg darauf schließen, dass diese Politologen dazu nicht in der Lage sind.

Möglicherweise ist es ärgerlicher: Die Politologen, die die Vereinigung gegenwärtig bestimmen, können mit der praktisch-pragmatischen Politikwissenschaft, die Eschenburg betrieb – und die seinen Ruhm ausmachte –, nichts mehr anfangen. Dass es Claus Offe war, der für den Eklat sorgte, hat da symbolischen Wert – Offe, Habermas-Schüler, geprägt von der Kritischen Theorie, SDS-Mitglied, Mitbegründer der Grünen, ist der Prototyp eines Politologen, für den Eschenburg nicht Wissenschaftler war, sondern bestenfalls Publizist.

Allerdings: Mit dem Vorrücken dieser Politologie ist das Fach in die „hochgradige Irrelevanz“ gedriftet, die die frühere Vorsitzende Christine Landfried im Tagesspiegel beklagte. Mit dem Fall Eschenburg verwerfen die Politologen einen wichtigen Teil ihres Erbes. Insofern ist der Fall Eschenburg in Wahrheit ein Fall der Vereinigung für politische Wissenschaft.

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben