Versagen der öffentlich-rechtlichen Sender : Und nun weiter im Programm

04.02.2011 12:01 UhrVon Rüdiger Schaper
Volksmusik statt Volksaufstand: ARD und ZDF tun sich schwer mit den Ereignissen von Kairo. Foto: dpa/lah
Volksmusik statt Volksaufstand: ARD und ZDF tun sich schwer mit den Ereignissen von Kairo. - Foto: dpa/lah

ARD und ZDF rühmen sich gerne ihres Korrespondentennetzes. Jetzt wäre Gelegenheit, diese Ressourcen auszuschöpfen, doch anstatt den Ernst der Lage zu begreifen und zu dokumentieren, regiert bei den deutschen TV-Flaggschiffen bürokratisches Phlegma.

Die Sendung nennt sich „Rette die Million“, eine mehr oder weniger unterhaltsame Spiel-Show zur besten Sendezeit. Sie unterscheidet sich von anderen Lustbarkeiten dieser Art dadurch, dass man Bargeld zu sehen bekommt. Dicke Packen lachen die Kandidaten an, die Szenerie hat etwas von einem Bankraub.

Am Mittwochabend hat sich das ZDF um etwas selbst beraubt, das wertvoller ist – und schwerer zu ersetzen – als Cash. Die Anstalt verlor ihre Glaubwürdigkeit und ihren journalistischen Anspruch. Kairo brennt, die arabische Welt erlebt einen historischen Umsturz, doch das nachfolgende „Heute Journal“ muss warten. Erst das zweifelhafte Vergnügen, einem Pärchen beim Zocken zuzuschauen, dann die Nachrichten.

Es ist zum Abschalten. Es ist zum Umschalten.

Die Ereignisse im Nahen Osten haben die Bundesregierung ebenso überrascht wie die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Deutschland. Es sind erhebende, bittere, unfassbare Bilder, die wir in diesen Tagen sehen – oder eben nicht. Bis auf Weiteres gilt das ausgedruckte Programm, von kurzen „Brennpunkten“ abgesehen. Eine radikale Programmänderung kommt den Fernsehverantwortlichen nicht in den Sinn. Wer sich informieren will über die dramatischen Entwicklungen in Ägypten, schaut englischsprachige Sender. BBC, CNN, Al Dschasira haben den Ernst der Lage begriffen. Dort bekommt man das Gefühl vermittelt, dabei zu sein, dort wird die Dimension des Geschehens erkannt, während ZDF und ARD ihr bürokratisches Phlegma nicht abschütteln können. Bei „Phoenix“ sieht es besser aus, aber das ist nicht der Hauptschauplatz. Im Hauptprogramm wird mit schmerzlicher Verzögerung reagiert. Mit dem Ersten und dem Zweiten sieht man schlechter. Oder gar nicht: Hosni Mubaraks Rede hat das ZDF verschlafen.

Die Millionen-Show wurde gerettet. Aber was ist mit den Milliarden Euro, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen als Zwangsabgabe eintreibt? Wozu? Für Quizshows, Volksmusikparaden, Lovestorys vor malerischer Kulisse und inflationäre Talkshows? Das kann nicht der Auftrag sein.

Gern rühmt man sich bei ARD und ZDF seiner journalistischen Kompetenz und eines weltweiten Korrespondentennetzes. Jetzt wäre die Gelegenheit, diese Ressourcen auszuschöpfen, jetzt sind die Sender in der Pflicht, ihren Gebührenhunger zu legitimieren. Nur ist die Angst vor den privaten Sendern offensichtlich so groß, dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht einmal dann von ihrem starren Schema abweichen, wenn Weltgeschichte geschrieben wird. Wenn eine Million Ägypter – da war es noch friedlich – im Zentrum von Kairo gegen ein menschenverachtendes Regime demonstrieren.

Die Programmverantwortlichen werden nun dieses und jenes einwenden gegen den Vorwurf, sie hätten sich in der Zeit des Zorns und des Freiheitskampfes nicht angemessen verhalten. Doch für die öffentlich-rechtlichen Sender ergibt sich eine peinliche bis bedrohliche Gemengelage. Sie brauchen immer mehr Geld, sie nivellieren immer spürbarer ihr Angebot, ahmen die privatwirtschaftliche Konkurrenz nach und patzen dort, wo sie brillieren müssten. Wo sie einen substanziellen journalistischen Vorsprung haben könnten.

Nichts ist aufregender als die Wirklichkeit. Nichts ist aktueller als Geschichte. Keine Region der Welt ist explosiver als der Nahe Osten. Biblisch gesprochen, haben wir sieben magere TV-Tage erlebt, im Ersten und im Zweiten. Die sieben fetten liefen anderswo.

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