Meinung : Versagt die Politik bei Schulverweigerern?

Foto: promo
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„Koalition gegen Schwänzer“ vom 26. Oktober

Die Problematik der Schulverweigerung ist weniger in der Haltung der Kinder und Jugendlichen begründet, die mangels besserer Einsicht nicht anders handeln können, sondern vielmehr der Bräsigkeit, Verquickung mit freien Trägern und der Arroganz der Behörden anzulasten, deren Tätigkeit keiner Evaluation und Kontrolle unterliegt.

Kinder und Jugendliche, die die Schule nicht besuchen wollen, können dies konsequenzlos tun, sobald die Eltern als Ursache ausgeschlossen worden sind.

Die Politik ist hier gefordert, die vorhandenen Strukturen zu hinterfragen.

Antje und Michael Dräger,

Berlin-Schöneberg

Sehr geehrte Familie Dräger,

in der Tat: Der Bildungsabsturz vieler Schülerinnen und Schüler, besonders im Alter von 14-16 Jahren ist leider ein sehr häufiges Ereignis. Die Zahlen (fast 10 Prozent Schüler ohne Schulabschluss und ca. 17 Prozent ohne Berufsabschluss in Deutschland) sprechen hier für sich. Leider typisch ist auch die Reaktion der Politik auf dieses Phänomen. Gestritten wird über den Zeitpunkt und die Höhe der Strafen (Bußgeld für die Eltern, soziale Arbeit und Arrest für die Täter). Vergessen wird dabei, dass es dieses System der Strafen am Ende einer langen Schwänzerkarriere seit vielen Jahren gibt, und wir trotzdem steigende Zahlen von Schulverweigerern beobachten. Es hat sich gezeigt, dass hierdurch allenfalls „Luxusschwänzer“ beeindruckt werden, die ansonsten wenig Probleme in der Schule oder ihrer Familie haben. Auch Modellversuche, die allein darauf setzen, die Eltern schnell zu benachrichtigen, sind in der Mehrzahl gescheitert, weil sie nur wirken, wenn die Eltern noch genügend Einfluss haben und es sonst keine weiteren Gründe gibt, die die Jugendlichen von der Schule fernhalten.

Das Deutsche Jugendinstitut hat in mehreren Forschungsprojekten sehr gute Grundlagen dafür erarbeitet, um dem Phänomen der Schulverweigerung in der Praxis effektiver zu begegnen. Eine Schwänzerkarriere ist ein längerer Prozess, der über drei Phasen verläuft, vom ersten Ausprobieren über unregelmäßige Besuche bis hin zur völligen Abkehr von der Schule.

Zudem gibt es ganz unterschiedliche „Schwänzertypen“ (langandauernde Misserfolge im Leistungsbereich, Prüfungsängste, Konflikte mit Lehrern und/oder Mitschülern bis hin zum Mobbing, oder Problemen im Elternhaus). Das heißt, es muss eine schnelle Reaktion der Schule in der ersten Phase geben, die aber nicht auf Strafen setzt, sondern individuell dosiert, den Schülerinnen und Schülern das Signal gibt a) wir haben es bemerkt und dulden es nicht und vor allem b) wir bieten Beratung und auf das Problem abgestimmte Formen der Unterstützung an.

Wie ein solches Vorgehen in der Praxis aussehen kann, zeigt ein Blick über den Zaun nach Finnland, die Niederlande oder Großbritannien. In West-Sussex ist das „Ampelprojekt“ ein effektives Beispiel. Ein elektronisches Erfassungssystem ist der Ausgangspunkt, das aber begleitet wird vom Einsatz eines Expertenteams und umfänglichen Fördergruppen.

Ganz gleich, ob ein Schüler entschuldigt krank war oder offensichtlich geschwänzt hat, sobald die „Ampel“ bei fünf Fehltagen von Grün auf gelb springt, bekommt der Schüler ein Gespräch mit einer speziell ausgebildeten Sozialarbeiterin, die für mehrere Schulen in dieser Funktion zuständig ist. In dem Gespräch steht die Frage im Mittelpunkt, wie der versäumte Stoff nachgeholt werden kann und schon im Gespräch wird vereinbart, in welcher Kleinlerngruppe der Leistungsrückstand aufgearbeitet werden soll. Daneben erfährt die Sozialarbeiterin, ob es weitere Hindernisse für einen regelmäßigen Schulbesuch gibt. Bei Konflikten mit Lehrkräften kann ein Mediationsgespräch vereinbart werden, in Mobbingfällen gibt es eine entsprechende Intervention in der Klasse und bei familiären Problemen wird das Jugendamt einbezogen. Zudem gibt es an jeder Schule ein Beratungsteam aus Experten (Beratungslehrer, Förderlehrer, Sozialarbeiter, Schulpsychologen), die jeden Fall konsequent weiter verfolgen, unterstützende Maßnahmen vereinbaren und bei Bedarf weitere Experten hinzuziehen.

Die Eltern werden ebenfalls frühzeitig informiert und in ihrer Verantwortung einbezogen, aber das Hauptaugenmerk liegt auf unterstützenden Maßnahmen, die frühzeitig direkt in der Kommunikation mit den Schülerinnen und Schülern erfolgen. Begleitet wird dieses Vorgehen von einer sehr offenen Kultur des Umgangs mit der Anwesenheit. Die Anwesenheitsstatistiken aller Schulen werden regelmäßig erfasst und sind im Internet öffentlich zugänglich. Alle Schüler, Klassen und Eltern erhalten Rückmeldungen, die besten Klassen werden ausgezeichnet und auch die Mitschüler zeigen so Interesse an einem guten Abschneiden ihrer Klasse.

Zugegeben, dieses System ist auf den ersten Blick für das Schulsystem kostenintensiver, aber die Zukunft unserer Kinder sollte es uns wert sein.

— Prof. Dr. Norbert Grewe, Professor für

Pädagogische Psychologie, Uni Hildesheim

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