Meinung : Verschämt und unverschämt

Die Gerüchteköche: Viele deutsche Männer haben Probleme mit mächtigen Frauen

Bernd Ulrich

Wie es hier zu Lande um Frauenemanzipation, Gleichberechtigung oder auch nur Respekt vor anderen Lebensläufen bestellt ist, lässt sich schwer ermessen. Öffentlich sagen viele bloß, was sie für politisch korrekt halten, nicht aber, was sie denken. So erklärte sich etwa die Kluft zwischen Umfragen und Ergebnis bei der letzten Bundestagswahl. Die so genannte Verschweigerquote ist schuld. Sie entstand dadurch, dass viele Menschen Angela Merkel nicht wählen wollten, weil sie eine Frau ist, dies gegenüber den Demoskopen aber nicht zugaben.

Noch dunkler, aber politisch genauso wirkungsvoll war ein anderer Fall gerüchteverschärfter Diskriminierung. Im Dezember 2004 stellte sich die damalige baden-württembergische Bildungsministerin Annette Schavan einer Urabstimmung um die Spitzenkandidatur für das Ministerpräsidentenamt – gegen Günther Oettinger. Dass sie gegen ihn verlor, hatte sicher viele Gründe. Einer davon war leider, dass Schavan ledig ist, in Tateinheit mit Kinderlosigkeit. Das hat in christdemokratischen Kreisen Baden-Württembergs Anlass zu allerlei Fantasien gegeben. Hier war nicht die Verschweigerquote das Problem, sondern die Gerüchtequote.

Jetzt ereignet sich wieder ein Fall dieser Art (wieder in Baden-Württemberg, aber das ist bestimmt Zufall!). Diesmal nimmt platteste Frauendiskriminierung die Gestalt des Hahaha-Journalismus eines kommerziellen Radiosenders an. Der hat Ute Vogt, die Spitzenkandidatin der SPD, ebenfalls ledig und kinderlos, an einen Lügendetektor angeschlossen, die beiden Moderatoren stellten ihr folgende Frage: „Könnten Sie sich ein erotisches Abenteuer mit einer Frau vorstellen?“

Man muss nicht sehr intelligent , sondern nur einigermaßen niederträchtig sein, um einer ledigen 41-jährigen Frau in Baden-Württemberg eine solche Frage zu stellen. Die zweite Frage: „Haben Sie schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht?“ Die Antworten von Ute Vogt spielen an dieser Stelle ebenso wenig eine Rolle wie die Tatsache, dass es für eine Spitzenpolitikerin unklug ist, sich einem solchen Unfug auszusetzen. Entscheidend ist, dass man einem männlichen Spitzenpolitiker derlei Fragen nicht stellen würde und einer verheirateten Frau mit Kindern vermutlich auch nicht.

Natürlich hat sich die „Bild“ der Orgasmusfrage sofort angenommen und damit die Angelegenheit an die bundesweite, große Glocke gehängt. Seitdem schüttelt das halbe Land und ganz Berlin den Kopf über, nein, nicht die marodierenden Moderatoren, sondern über Ute Vogt: Wie konnte sie nur? Anstatt darüber nachzudenken, wie viel Diskriminierung von Lebensläufen sich die Deutschen immer noch leisten. Mittlerweile wurde auch Oettinger von dem Radiosender interviewt. Auch ihm wurden schlüpfrige Fragen gestellt. Allerdings musste er nicht darüber sprechen, ob er gerne mit einem Mann schlafen würde oder schon einmal einen Orgasmus vorgetäuscht hat, sondern ob er sich vorstellen könne, eine Nacht mit – Ute Vogt zu verbringen. Damit wurde die SPD-Spitzenkandidatin endgültig zum Freiwild chauvinistischer Fantasien.

Der Stand in Sachen Gleichberechtigung lässt sich, wie gesagt, nicht leicht ermessen. Fest steht allerdings, dass man sich von der Gleichberechtigungsrhetorik im öffentlichen Raum nicht täuschen lassen darf. Die Dinge stehen offenbar schlechter, als man denkt – die kulturelle Auseinandersetzung hört nicht auf. Dass Angela Merkel trotzdem Kanzlerin geworden ist, Annette Schavan Bundesministerin und dass Frauendiskriminierung heutzutage abgedrängt ist in Gerüchte, Späße oder halbdunkle Öffentlichkeiten, ist zwar ein Fortschritt, aber kein Sieg.

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