Meinung : Verschärfte Verschiedenheit

Klaus Wowereit, die Sado-Maso-Szene und die Toleranz einer Metropole

Bernd Ulrich

Der bedrückendste Kinofilm dieses Sommers hieß „L.A. Crash“. Er zeigt, wie sich in der äußerst multikulturellen und multiethnischen Westküsten-Metropole der USA ein Teufelskreis der Ethnien aufbaut. Weiße gegen Schwarze, Schwarze gegen Chinesen, Latinos gegen Asiaten, es herrscht ein Rassismus aller gegen alle. Der Film schlägt sich nicht auf eine Seite, sondern auf alle, zeigt hautnah, wie jeder gegen jeden auch etwas Recht hat. Weil man sich auf nichts Gemeinsames mehr einigen kann und weil keine Kultur mehr die moralische und politische Hegemonie zu behaupten vermag, führt die Verschiedenheit nicht zur Toleranz, sondern zu einem Gewalt-Kult. Der ist noch dazu oft sexuell gefärbt und wird am Ende meist mit Waffengewalt ausgetragen.

Trotz seiner Düsterkeit gibt „L.A. Crash“ auch weniger brodelnden Metropolen als Los Angeles einiges zu denken. Berlin zum Beispiel wird unter dem Druck von Globalisierung, kultureller Durchmischung und wachsenden sozialen Gegensätzen noch mehr als heute mit ähnlichen Phänomenen zu kämpfen haben. Ändern lässt sich das kaum, Abschottung ist nicht möglich, kulturelle wie ethnische Homogenisierung weder realistisch noch wünschenswert. Die Frage ist nur: Wie gehen wir mit verschärfter Verschiedenheit um?

Zunächst muss man sich verabschieden von einem vorwiegend, aber nicht allein auf der politischen Linken vertretenen Schema. Es steht nicht länger Toleranz gegen politisch-kulturelle Prinzipienfestigkeit, sondern: Wir müssen zugleich toleranter und prinzipieller werden, offener und strenger. Das scheint widersprüchlicher als es ist. Innerhalb eines klar umrissenen Konsenses ist fast alles möglich. Nicht möglich aber ist die Gewalt, weder ihre Ausübung, noch ihre Verharmlosung, besonders dann nicht, wenn sie sexuell aufgeladen ist. Das forciert den Teufelskreis aus Rache und Entgrenzung.

Die regierende und kulturell tonangebende Linke Berlins ist hier auf einem Auge blind. Peinlich lange hat sie gebraucht, um die Gewalt gegen Frauen zum Skandal zu erklären, solange diese Gewalt in Gestalt türkischer Immigranten auftrat. Erst als sich „Ehrenmorde“ häuften, wachte man auf. Wenn die Berieselung junger Menschen mit Gewalt-Musik von Skinhead-Bands ausgeht, so ruft das die Linke sofort und völlig zu Recht auf den Plan. Aber wenn ähnliche Texte von Hiphop-Bands sprechgesungen werden, dann wird es schon schwieriger. Denn Hiphop ist ja subversiv und außerdem: Man singt ja nur.

Und wenn die Verharmlosung und Kultivierung sexueller Gewalt aus homosexuellen Kreisen kommt, dann meinen einige, das könne nicht schlimm sein, denn schwul ist subversiv, und außerdem: Man spielt ja nur.

Das Grußwort von Klaus Wowereit für die Sado-Maso-Szene ließe sich als belanglos abtun, wenn es nicht ein falsches und für den Regierungschef einer multiethnischen und multikulturellen Metropole auch gefährliches Denken enthüllen würde. In seiner Verteidigungsrede für das sadomasochistische Straßenfest sagt er: „Was ich nicht hinnehme, ist, dass kollektiv Menschen diskriminiert und aus dieser Stadt vertrieben werden, die ein Recht haben, hier zu sein.“

Dieses Denken offenbart jenes falsche Opfer-Täter-Schema, das keine Wege aus den multikulturellen Krisen mehr weist. Denn die S/M-Szene ist kein Opfer, niemand soll aus Berlin „vertrieben“ werden, keinem wird das Recht abgesprochen, hier zu sein und privat zu machen, was er will. Stattdessen geht es nur um eines: Darf ein Bürgermeister für die Kultivierung von sexueller Erniedrigung und Dominanz Reklame machen?

Und: Welche moralische Orientierung kann ein multikultureller Bürgermeister seinen Bürgern geben? Ganz einfach: Hiphop ist gut, aber gewaltverherrlichender Hiphop ist schlecht. Schwul ist in Ordnung, Sado-Maso ist es nicht. Islamische Kultur ist gut, Frauenunterdrückung ist es nicht. Das ist ebenso leicht zu verstehen, wie es konstitutiv ist für Berlin. Die Aufgabe führender Politiker kann es nicht sein, jede Minderheit in Schutz zu nehmen, egal was sie tut, sondern den gewaltfeindlichen Minimalkonsens gegen jeden zu verteidigen, in welcher Verkleidung er auch immer daherkommt.

Berlin muss sich entscheiden: Will die Stadt an einem Multikulti-Begriff der 80er Jahre festhalten – oder will sie ihre politische Kultur so weiterentwickeln, dass sie für die Zukunft tragfähig ist? Sind wir in der Lage, größtmögliche Toleranz mit größtmöglicher Prinzipientreue zu verbinden? Klaus Wowereit ist es noch nicht.

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