Meinung : Verschlafene Nachricht

Robert Birnbaum

Dem CSU-Landesgruppenchef Michael Glos verdankt das politische Berlin einen neuen Begriff für eine alte Sache. Glos hat unlängst das "Schläfer-Interview" erfunden. Das geht so: Ein Journalist spricht mit einem Politiker. Der Politiker sagt, was er sagt - nichts Besonderes darunter. Das Interview erscheint nicht, sondern wandert erstmal in eine Schublade. Bis sich irgendwann eine politische Situation ergibt, in der die seinerzeit ganz harmlos dahingesagten Worte Sprengkraft entfalten. Weil sie im neuen Kontext gar nicht mehr harmlos klingen. Flugs wird das schlafende Wort wachgerüttelt. Dass es vor Wochen in ganz anderem Zusammenhang gesagt wurde, dass es der Sprecher heute eben wegen des absehbaren Missverständnisses nicht mehr wiederholen würde - egal. Hauptsache eine gute Schlagzeile.

Analog zum Schläfer-Interview gibt es auch die Schläfer-Meldung. Beide dienen einem durchsichtigen Ziel: Nicht über Politik zu berichten, sondern Politik zu machen. Es ist nur folgerichtig, dass die Wecker für diese Schlummernden immer ausgerechnet dann klingeln, wenn zum Beispiel ein Grünen-Parteitag bevorsteht.

Da kann es dann schon mal geschehen, dass eine sehr groß gedruckte deutsche Zeitung ein Panzer-Geschäft mit der Türkei kolportiert und nahe legt, die Regierung habe dem vor einem Jahr schon umstrittenen Geschäft just jetzt zugestimmt. Panzer, Türkei - rote Tücher für Grüne.

Das Dumme an dieser Sorte, sagen wir, gezieltem Journalismus ist nur, dass er sich selbst mit der Zeit ad absurdum führt. Eine Meldung wie jene vom Panzer-Geschäft glaubt inzwischen von vornherein niemand mehr, weil sie einfach zu gut in das Schema "Mischen wir die Grünen auf!" passt. Nicht einmal mehr die Regierenden müssen sich der Mühe unterziehen, zur Sache selbst Stellung zu nehmen; es reicht der Hinweis auf mutmaßliche finstere Motive des fraglichen Zeitungshauses. Die Geschichte kann stimmen oder auch nicht - die Wirkung, die sie nach den Gesetzen der politischen Psychologie eigentlich entfalten müsste, bleibt so oder so aus.

Aber es ist ja andererseits vielleicht auch tröstlich, dass nicht schon eine kleine Notiz in einer großen Zeitung ausreicht, um einen ganzen Parteitag auf die Barrikaden zu jagen.

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