Verschwörungstheorien : Michael Ballack: Ausgeschaltet

Michael Ballack spielt nicht für Deutschland. Schuld ist Kevin-Prince Boateng aus Wedding, der für Ghana in Südafrika gegen Deutschland spielt. Na? Alles klar? Auf das Foul folgen Verschwörungstheorien.

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Die Nachricht des Montags: Schock für Deutschland! Was ist jetzt schon wieder los? Noch ein paar tausend Milliarden fällig für die „Pigs“ der Euro-Zone, also Portugal, Italien, Griechenland, Spanien? Mehrwertsteuererhöhung um 180 Prozent? Benzinpreis bei fünf Euro? Westerwelle leitet die Kabinettssitzung, weil sich Merkel nach brutaler Attacke von Koch einen Teilriss des Syndesmosebandes im rechten Sprunggelenk zugezogen hat?

Ach nein, es geht nur um Michael Ballack, Fußballfreunden von früheren Großveranstaltungen bekannt als Träger der zwickenden „Wade der Nation“, um die sich ganz Deutschland sorgte.

Ballack, Kapitän der Nationalmannschaft, kann nicht mit zur Weltmeisterschaft, weil ihn der großflächig tätowierte (!) halbdeutsche (!!) Kevin-Prince Boateng aus Wedding (!!!), der für Ghana (!!!!) in Südafrika gegen Deutschland (!!!!!) spielt, beim englischen Cup-Final allem Anschein nach vorsätzlich (!!!!!!) umgetreten hat. Na? Alles klar?

Diese Geschichte, die für Boateng auf einem armseligen, bewaffneten Berliner Bolzplatz beginnt, die für beide Protagonisten sowohl heroisch als auch tragisch verläuft und vorläufig verschwörungstheoretisch endet, womöglich mit dem Karriereende beider, ist einfach zu schaurig-schön, um sie nicht zu erzählen. Zu ihr gehören aber auch ein paar Episoden, die nicht so ganz ins Bild passen und auch nicht zu den großen Gefühlen wie Wut über den Marodeur Boateng und Entsetzen über Ballacks Ausfall bei der Weltmeisterschaft.

Der rustikale Doppeltritt von Boateng, eins aufs Sprunggelenk und eins in die Wade, war nicht fair, um es britisch zu sagen. Er hat sich nicht mal entschuldigt, wie Ballack beklagt. Was hat sich Boateng dabei nur gedacht? Für viele ist das jetzt eine klare Sache: Er wollte Ballack „ausschalten“, fürs englische Finale, für das Nationalspiel gegen Ghana, für immer, für was auch immer. Ob das stimmt, weiß nur einer, und der schweigt.

Ballack selbst ist auch nicht immer fair. Im Viertelfinale der Europameisterschaft 2008 hat er den Portugiesen Moutinho fies vom Platz gefoult, beim englischen Supercupfinale 2009 Manchesters Patrice Evra büffelartig umgenietet, beim Länderspiel gegen Argentinien 2010 Martin Demichelis mit einem Kniekick fünf Knochenbrüche im Gesicht verpasst. Er hat sich nicht mal entschuldigt, wie Demichelis beklagt. Was hat sich Ballack dabei nur gedacht?

Der selbstlose, traurige Held, der für sein Vaterland fightet und dennoch die großen Titel verpasst, ist aber auch zuweilen ein überheblich wirkender Provokateur. Dass er Boateng für ein kleines Würstchen hält, hat er ihm schon vor vier Jahren auf dem Platz gesagt; kurz vor dem brutalen Foul hat er es ihm mit einem kleinen, gemeinen Wischer über die Wange gezeigt. Vielleicht war Boateng einfach rasend wütend. Aber eigentlich ist das egal, denn man möchte so einen Spieler in keinem Stadion mehr sehen. Schon gar nicht beim Spiel gegen Deutschland.

Ohne Ballack tritt also die Mannschaft an, aber mit einem Vorteil: Scheitert sie, hat sie eine Entschuldigung – und einen Schuldigen. Das sollte sie freier und stärker machen, als sie mit Ballack wäre.

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