Meinung : Versöhnen und spalten

Das Friedensabkommen in Sudan könnte letztlich zur Teilung des Landes führen

Moritz Schuller

Einer der blutigsten Bürgerkriege in Afrika ist zu Ende. Ein ebenso blutiger geht unvermindert weiter. Dass sich beides im gleichen Land abspielt, im Süden und im Westen, lässt den einen oder anderen wieder tief „Ach, Afrika“ seufzen. Afrika, wo es abwärts geht, wenn es aufwärts geht. In Wahrheit stehen die Chancen nun besser, dass es mit dem Ende des zwanzigjährigen Bürgerkriegs in Südsudan auch eine Lösung für den Konflikt im westsudanesischen Darfur geben könnte.

Die Vereinten Nationen hatten zwar immer wieder auf das Morden in Darfur aufmerksam gemacht und im vergangenen Herbst sogar ein Ultimatum an die Regierung in Khartum gerichtet: Sie solle die Reitermilizen unverzüglich entwaffnen. Dass es verstreichen konnte und sich in Darfur das fortsetzte, was US-Außenminister Colin Powell einen „Genozid“ nannte, dafür gab es einen einfachen Grund: Machtpolitisch wichtiger, historisch bedeutsamer war der andere Bürgerkrieg, jener im Süden. Waren Teile Afrikas im Kalten Krieg zu militärischen Einflusszonen der Weltmächte geworden, konnte Sudan die neuen Großmächte nun geschickt ökonomisch gegeneinander ausspielen. Im UN-Sicherheitsrat wehrten sich Russen und Chinesen gegen ein Embargo, denn vor allem die Chinesen, die mit Öl aus Südsudan ein Zehntel ihres Gesamtbedarfs decken, wollten die guten Beziehungen zur Regierung nicht gefährden. Und auch die Amerikaner zögerten, Druck auszuüben, um den Friedensprozess im Süden nicht zu gefährden. Darfur mit seinen 70 000 Toten war da lediglich der kleinere Bürgerkrieg.

Mit dem Friedensschluss zwischen John Garang, dem in Amerika ausgebildeten Führer der Rebellen im Süden und der Regierung endet nicht nur ein langer Konflikt, das Land soll nun ein anderes werden: Der Süden wird künftig die Hälfte der Ölerlöse kontrollieren, Garang wird als Vizepräsident in die Regierung eintreten. Er will sich persönlich für einen Frieden in Darfur einsetzen, ob er, der ehemalige Rebellenführer dafür geeignet ist, wird sich erst noch zeigen. Reichen kann es nicht: Der internationale Druck auf Khartum muss wieder erhöht werden. Dass die USA die eigenen Sanktionen aufrechterhalten wollen, bis auch in Darfur Frieden herrscht, ist zu begrüßen. Die Europäer könnten ihre guten Beziehungen zu China nutzen – zum Vorteil Darfurs.

So sehr das Abkommen die Hoffnung auf die weitere Befriedung des Landes auch weckt – es bleiben Zweifel: Ob der Friedensschluss des muslimischen Nordens mit dem christlich geprägten Süden nicht letztlich zu einer Teilung des Landes führen wird. Das Abkommen enthält zwar eine Reihe symbolischer Elemente, die die neue Einheit des Landes dokumentieren sollen: Englisch, die Sprache des Südens, wird zweite Amtssprache neben dem Arabischen, und es wird gemeinsame Banknoten geben.

Viel entscheidender ist jedoch die Rücknahme jener Entscheidung, die vor über zwei Jahrzehnten erst zum Ausbruch des Bürgerkrieges geführt hatte: Im Süden soll nun nicht mehr wie im Norden die Scharia, das islamische Gesetz, gelten. Ein begrüßenswerter Kompromiss, der aber auch die kulturellen Unterschiede beider Landesteile verfestigen wird.

Die Regierung in Khartum hofft, mit diesem Vertrag das Risiko einer Sezession verringert zu haben. Doch derselbe Vertrag sieht eine sechsjährige Übergangszeit vor, in der Garangs Truppen im Süden weiter Stellung beziehen werden. Erst dann wollen sie endgültig über die zukünftige Form des Sudan entscheiden. Sollte sich der Süden dann vom Norden abspalten, würde zum ersten Mal eine koloniale Grenze in Afrika neu gezogen. Das wäre ein Tabubruch.

Jetzt ist es vor allem der Terror in Darfur, der die Stabilität des Landes gefährdet. Damit hat sich die Lage umgedreht: der kleine Bürgerkrieg droht den großen am Leben zu halten.

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