Meinung : Versteh’ mich!

Eine engagierte Studie über Moral in der deutschen und amerikanischen Politik

Roger Boyes

Keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Dieses Konzept gehört zur Informationspolitik der Bundesregierung. Ungewöhnlich ist, dass jetzt schlechte Nachrichten auch gute Nachrichten sein sollen. Amerikanische Investoren haben Deutschlands wirtschaftlichen Niedergang mit Besorgnis und großem spekulativen Interesse beobachtet. Als Schröder die Probleme Deutschlands mit den Worten eines Investment-Bankers beschrieb, wuchs sein Ansehen in den New Yorker Sitzungssälen. Je unbeliebter Schröder in Deutschland wird, desto populärer wird er an der Wall Street. Er gewinnt unverdienterweise den Ruf eines Mannes, der schmerzhafte Entscheidungen trifft.

Der Schröder-Fischer-Trip nach New York stand unter einem guten Stern. Schröders Probleme mit Amerika sind eigentlich Probleme mit Bush. Es ist unmöglich, dem Kanzleramt ein freundliches Wort über den Präsidenten zu entlocken. Allein den Namen Bush zu erwähnen, hat denselben Effekt auf die Berliner Beamten wie der Vollmond auf Wölfe: Die heulen vor Frustration. Lassen Sie mich sagen: Die Verstimmungen sind ein deutsches und kein amerikanisches Problem. Es wird Zeit, dass das Kanzleramt das Verhältnis Bush-Schröder einmal analytisch-strukturell untersucht.

Weshalb versagen deutsche Politiker, wenn sie Amerika verstehen wollen? Schröders Amerika-Besuch wurde vom Großteil der US-Medien ignoriert; es ist etwas faul an der Kommunikation. Schröder braucht eine amerikanische Version von Brigitte Sauzay, einen Amerika-Flüsterer. Stattdessen wurden die wirklichen Amerika-Kenner – Karsten Voigt, Uli Klose, Walter Leisler Kiep – traditionell an den Rand gedrängt.Das Kanzleramt zieht es vor, in Stereotypen zu verhandeln. Die Erklärung dafür ist, dass die deutschen Kanzler nicht mit dem moralischen Überlegenheitsgefühl der amerikanischen Präsidenten klar kommen. Helmut Schmidts Irritation mit Jimmy Carter war symptomatisch für diese Beziehung. Schmidts Ansicht war, dass es Carter an europäischer Bildung fehlte. Die deutschen Mächtigen trafen nie den richtigen Ton.

Amerikanische Analysten geben dem Sprachproblem die Schuld: Die Deutschen finden die Mixtur aus Moral und politischen Kategorien verdächtig. Das ist nicht das zentrale Problem. Jemand, der weiß, wie amerikanische Präsidenten gewählt werden, kann nicht an ihre moralische Reinheit glauben. Es existiert eine Kontinuität in der Reihe der Präsidenten. Das sollte es den deutschen Politikern einfacher machen, die amerikanischen Kollegen zu verstehen.

Der Schlüssel könnte Adenauers Amerika-Besuch von 1953 sein. Erst acht Jahre zuvor waren die Konzentrationslager befreit worden, und er wurde als Held gefeiert. Was hat Adenauer anders gemacht? Er hat seine Pläne klar formuliert. Im Washingtoner National Press Club sagte er, dass jedes einzelne rationale Argument für ein vereintes Europa spreche. Wann haben wir zum letzten Mal etwas strategisch so Klares von Schröder gehört?

Das Weiße Haus mag Schröder nicht, weil es nicht weiß, wofür er steht. Was den Irak betrifft, ist er so verwirrt wie die Demonstranten von London, die riefen: „Stoppt Bush!“ Was meinten sie? Dass amerikanische Soldaten nicht mehr getötet werden dürfen? Sollte man Bush davon abhalten, einen funktionierenden Staat aufzubauen? Für amerikanische Politiker ist und bleibt Schröder verdächtig. Auch für die deutschen Wähler?

Unser Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“ und Autor der Tagesspiegel-Kolumne „My Berlin“.

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