Meinung : Versuchsanordnung

Der Berliner Senat will mehr Einheitsschulen – und wird so mehr Privatschulen kriegen

Susanne Vieth-Entus

Die Berliner SPD hat sich in eine Zwickmühle gebracht: Vor einem Jahr, als die nächste Wahl noch fern schien, legte sie sich darauf fest, dass sie eine „Gemeinschaftsschule“ ansteuere. Jetzt holt die Ankündigung sie wieder ein. Die PDS zieht mit diesem Bildungsthema in den Wahlkampf – wohl wissend, dass sie damit bei ihrer Klientel punkten kann. Jetzt muss die SPD Farbe bekennen: Hat sie den Beschluss vom Bildungsparteitag ernst gemeint oder wollte sie damals nur das Bedürfnis nach ein wenig linker Folklore befriedigen?

Diese Frage dürfte im Herbstwahlkampf von einiger Bedeutung sein. Denn CDU und FDP werden, wenn sie klug sind, die Drohkulisse „Einheitsschule“ aufbauen, um der SPD die bürgerlichen Wähler abspenstig zu machen. Und schnell werden die Sozialdemokraten merken, dass sie gehörig ins Lavieren kommen, wenn sie ihren Parteitagsbeschluss vertreten und gleichzeitig die Ängste des bürgerlichen Lagers zerstreuen müssen.

Jetzt zeichnet sich ab, wie die SPD aus dieser Zwickmühle herauskommen will. Sie propagiert „Modellversuche auf freiwilliger Basis“: Eltern sollen selbst entscheiden, ob sie bereit sind, ihre Kinder komplett im Klassenverband von der Grundschule in eine Gesamtschule zu schicken. Wenn sich eine derartige Übereinkunft nicht herstellen lässt, kann die SPD ihre Hände in Unschuld waschen – nach dem Motto: Wir haben’s ja versucht, aber es wollte ja keiner. Doch so einfach werden sich Parteilinke und PDS wohl kaum abspeisen lassen.

Denn sie haben gute Argumente auf ihrer Seite: Die OECD hat in der Pisa-Studie klar nachgewiesen, dass Kinder aus unteren sozialen Schichten bei gleicher Begabung in Deutschland eine viele kleinere Chance haben, auf das Gymnasium zu kommen als Kinder der Mittel- oder Oberschicht. Entsprechend geringer sind ihre Aussichten auf ein Abitur. Die Vermutung liegt nahe, dass sich die Chancengerechtigkeit mit einer Gemeinschaftsschule erhöhen ließe.

Möglicherweise passiert aber etwas ganz anderes, wenn die Gemeinschaftsschule kommt. Es könnte sein, dass Eltern diesen Schulen misstrauen und erwarten, dass ihre Kinder mehr lernen und sorgloser aufwachsen, wenn die Migrantenquote geringer und die soziale Mischung weniger brisant ist. In diesem Fall werden sie alles daran setzen, den Wegfall der Gymnasien durch die Neugründung von Privatschulen zu kompensieren. So jedenfalls ist es in den USA, Großbritannien und Frankreich passiert. Und dann gibt es zur sozialen auch noch eine finanzielle Hürde.

Dies alles wird abgewogen werden müssen, wenn der Strukturstreit geführt wird. Und auch dies: Falls Berlin das gegliederte Schulsystem aufgibt, wird es für Familien mit Schulkindern schwierig, in andere Bundesländer umzuziehen. Die Zwickmühle der SPD könnte sich dann zu einer Falle für viele auswachsen.

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