Meinung : Verteidigung des Privaten: Warum Gewissenserforschung in der Politik nichts zu suchen hat

Die Voraussetzungen für eine Aufarbeitung der bleiernen Jahre der Republik sind gut: Die Prahlerei der 68er-Rebellen mit ihrer Vergangenheit ist einer gewissen Zerknirschtheit über die totalitären Anteile der Bewegung gewichen. Einsichten, die zwar durch politische Opportunität befördert wurden, die aber beiden Seiten der Barrikaden die Möglichkeit bieten, ihren Teil der Schuld an den damaligen Verhältnissen einzugestehen. Was wir stattdessen auf der politischen Bühne erleben, sind Debatten darüber, wer mit wem frühstückte oder bei der Beichte nicht ausreichend weinte.

Aus der Sicht der 30-Jährigen ist die Diskussion bizarr. Wer schon aus biografischen Gründen die Leidenschaften der damaligen Zeit nicht mehr abrufen kann, bekommt den Eindruck, es handele sich hier um ein einstudiertes Ritual. Es wird noch einmal ein Kulturkampf aus vergangenen Tagen inszeniert, fast wie im Kalten Krieg. Eingedroschen wird auf Fischer und Trittin, als wären sie noch die von Gestern. Allein, der Gegner hat sich davongemacht, der Schützengraben der Linken ist verwaist. Und in welchen Gräben sitzen die Rechten? Wir sehen, wie konservative Zeitgenossen von Trittin und Fischer ihre blankgeputzten Biografien in die Kameras hängen und schon immer auf dem besseren Weg gewesen sein wollen. Wie die Generation der 40-Jährigen versucht, sich von den politischen Übervätern zu befreien. Und wie manche von den alten Revoluzzern zu Renegaten werden. Auf der Linken werden heftig Rollen getauscht, Lebenswege gebrochen. Nur die Konservativen versuchen sich noch mal in den alten Kostümen. Aber die passen nicht mehr recht.

Plötzlich scheint die Republik wieder in unversöhnliche Lager gespalten. Und das in einer Zeit, in der die politische Unterscheidbarkeit der beiden großen Parteien rapide abnimmt. Natürlich geht es um die Macht, will die Opposition die Regierung jagen. Aber dafür die alten Gräben wieder schaufeln? So richtig nimmt der Union und der FDP das keiner ab, diese moralische Empörung der harten politischen Hunde. Am anrüchigsten ist aber jene unbarmherzige, grobklotzige Behandlung des Biografischen. Die Zurichtung des Persönlichen zu politischen Zwecken. Zwar sind wir 30-Jährigen die Generation der Lebenslaufdesigner. Wo ein biografisches Detail ins andere passen muss, damit der spätere Arbeitgeber glaubt: Hier hat einer sein Leben auf Effizienz gebaut. Aber wir haben gegen 68 auch immer das Recht auf Nichteinmischung verteidigt. Auf ein Privatleben, das eben nicht politisch ist und der öffentlichen Bühne entzogen. Auch deswegen riechen die Aufforderungen an Fischer und Trittin öffentlich Beichte abzulegen, nach Gesinnungspuritanismus. Beide haben sich von ihrer Vergangenheit distanziert. Ob das glaubwürdig war oder nicht, muss an ihrem politischen Handeln gemessen werden. So war Trittins arrogant wirkende Weigerung, sich auf die Couch legen zu lassen richtig: Er verweigerte den Blick in sein Inneres als eine dem Politischen nicht verfügbare Sphäre. Denn: Gewissenserforschung ist nicht Aufgabe der Politik. Die Sehnsucht der Gesellschaft nach Katharsis kann sie nicht erfüllen.

Die von Götz Aly behauptete Ähnlichkeit der 68er mit ihren Nazivätern zeugt von der maßlosen Vergleicherei in der Debatte. Zwar machten auch die 68er die NS-Vergangenheit zum Kampfbegriff gegen politische Gegner. Doch gaben sie Impulse, die von einer neuen Generation von Historikern langsam abgearbeitet wurden. Deshalb konnten die vergleichsweise zivilen Debatten der 90er geführt werden, die sich an Goldhagens Thesen oder der Wehrmachtausstellung entzündeten und in eine bemerkenswerrt nachdenkliche Bundestagsdebatte mündeten.

Hier zeigte sich: Gesellschaftliche Diskussionen werden nicht ad personam geführt. Die persönliche Beschädigung Fischers und Trittins ist kein Beitrag zur Aufarbeitung von 68. Und die Politik wäre gut beraten, das Rednerpult im Bundestag nicht länger mit einer Psychologen-Couch zu verwechseln.

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