Vertrauen in Prognosen : Die Hybris des Kalküls

Das Unvorstellbare haben einst Götter bewirkt, nun sind es Katastrophen. Das Tragische in der modernen Welt wurde in "Risiko" umgetauft. Es zu berechnen, übersteigt unsere Fähigkeiten.

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Der Apollon-Tempel, bekannt für das sagenumwobene Orakel von Delphi.
Der Apollon-Tempel, bekannt für das sagenumwobene Orakel von Delphi.Foto: dapd

Im Jahre 357 nach Christus verbot der römische Kaiser Constantius II. per Gesetz die Astrologen, Vogelschauer und Traumdeuter, die in der gesamten antiken Welt mit der Vorhersage der Zukunft glänzende Geschäfte gemacht hatten. Die Konstitution des Kaisers ruinierte eine gewaltige florierende Industrie. Zuvor hatte man keine politische Entscheidung getroffen, keinen Feldzug, keine Seereise unternommen, ohne die günstige Prognose eines Orakels einzuholen.

Kaiser Constantius begnügte sich aber 357 nicht damit, die Zukunftsdeuter, die auch „mathematici“ hießen, zu verbieten und ihr Geschäft mit dem Schwert zu bedrohen. Zusätzlich verdammte er sie als „Feinde des Menschengeschlechts“ und „Ausgebürgerte der Natur“. Mit einem Schlage befreite er damit die Politik des Römischen Reichs von dem lähmenden Einfluss dieser Prognosebranche.

Man kann sich heute nur schwer erklären, warum einmal eine ganze Kultur über Jahrhunderte hinweg auf die Sprüche aus Delphi oder aus anderen Orakelmündern gehört hatte. Dabei lässt sich auch heute unser Glaube an die Vorhersagen von Wirtschaftsweisen, Börsenanalysten oder Unfallstatistikern durch Irrtümer wenig irritieren. Wir wollen Bilder der Zukunft und seien sie noch so falsch. Und wie die Orakel in der Antike erteilen auch die modernen Wirtschaftsorakel und Risikomathematiker nicht nur falsche Prognosen.

Die Methoden haben sich inzwischen zwar verfeinert, sonst aber sind die Unterschiede zu den Horoskopen der Antike nicht sehr groß. Heute beschauen unsere Propheten nicht mehr die Leber von Opfertieren, sondern irren auf dem Hochniveau komplexer Rechneroperationen: Die Wirkung ist jedoch gleich. Die Hybris der Prognose korrumpiert die Politik, indem sie den Willen zur Entscheidung aus politischer Vernunft durch das Kalkül der Unwahrscheinlichkeit narkotisieren.

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle ließ vor gut einer Woche jene schwarze Katze aus dem Sack, die so mancher Politiker als „Rationalität“ schnurren lässt. Vor den Wirtschaftsbossen des BDI erläuterte er das AKW-Moratorium der Bundesregierung mit der Bemerkung, dass politische Entscheidungen „nicht immer rational“ seien. Tatsächlich meinte er, dass die Moratoriums-Entscheidung nicht ökonomisch, sondern politisch begründet war.

Nun weiß längst jeder, dass die ökonomische Rationalität für ein ewiges Weiterschnurren der Kernkraftwerke spricht. Die politische Vernunft hingegen, wenn sie sich aus dem Würgegriff ökonomischer Interessen löst, folgt einer anderen Rationalität. Und die kann heute eigentlich nicht anders entscheiden als Kaiser Constantius II. Für die Politik, und das ist der Inbegriff dessen, was das Wohl der Bürger angeht, haben sich die Experten, die die Ungefährlichkeit der Kernkraft in Gutachten, Berechnungen und anderem prognostischen Müll beschworen haben, in einem politischen Sinn als „Feinde des Menschengeschlechts“ erwiesen.

Nicht alle Experten rechnen gleich. Vor sechs Jahren trat die Münchner Rückversicherung, ein weltweit operierendes Unternehmen, das Versicherungen versichert, mit einer Risikotabelle an die Öffentlichkeit, die den Globus in urbane Gefahrenzonen einteilt und nach einem Wahrscheinlichkeitskalkül die denkbaren Schäden von Naturkatastrophen, Industrieunfällen, Terroranschlägen und Umweltgefahren zu Kosten hochrechnet. Die Möglichkeiten solcher Katastrophen, die alle Megastädte bedrohen, gelten den Versicherungsstatistikern als Megarisiken, die demnächst nicht mehr versichert werden können.

Die Münchner Rückversicherung benannte die besonders gefährdeten Städte und Regionen und kalkulierte die Wahrscheinlichkeit von Erdbeben und Vulkanausbrüchen, von tropischen Unwettern und Winterstürmen, von Überschwemmungen und Flutwellen. Das Papier erlaubte den Blick auf die unversicherbare Welt einer globalen Risikozukunft, in der Nationalstaaten, Regierungsformen, Bündnisse und regionale Ökonomien keine Rolle mehr spielen werden. Die Welt wird dann neu geordnet in einem Ranking von Gefahrenzonen, wo Menschen und Versicherungen durch Risikokonzentration ein unbekanntes, unbezahlbares Schicksal teilen.

An der Spitze der gefährdeten und demnächst vielleicht versicherungslosen Regionen steht Tokyo, das die Münchner Rück von Erdbeben, Stürmen, Tornados und Tsunamis bedroht sieht. Dann folgen die kalifornischen Metropolen San Francisco und Los Angeles. Sie liegen an der tektonischen Verwerfungszone des San-Andreas-Grabens, wo sich Spannungen der Erdkrusten immer wieder neu aufbauen und in Erdbeben ausgleichen. Aber auch in Kobe, Manila, Mexiko-City sind nach den Berechnungen der Risikoforscher in den nächsten Jahrzehnten größere Erdbeben zu erwarten. Während sich die Assekuranzen aus diesen Gefahrenzonen zurückziehen können, indem sie bestimmte Risiken durch Klauseln oder Haftungsgrenzen ausschließen, können sich die Einwohner allenfalls noch auf die weltweite menschliche Solidarität als Rückversicherung verlassen.

Auch Teile Deutschlands könnten aus der Fürsorge der Versicherungen fallen. Zwar ist das Erdbebenrisiko hierzulande gering; doch die Erfahrung mit dem Wirbelsturm an Weihnachten 1999 geben den Gefahrenstatistikern Anlass, vor einer Sturmfront zu warnen, die durch die Rhein-Ruhr-Region toben und einen volkwirtschaftlichen Schaden von mehr als 80 Milliarden Euro verursachen könnte. So stehen sowohl das Ruhrgebiet als auch die Rhein-Main-Zone auf der Liste der fünfzig am meisten gefährdeten Megastädte.

Atomkraftwerke und Nuklearkatastrophen kamen in diesem Risikoindex nicht vor, weil die Versicherungen ihrer eigenen ökonomischen Vernunft dienen und solche Risiken gar nicht erst abdecken. Welche Versicherung soll die vielen hundert Milliarden Dollar aufbringen, die das Desaster in Fukushima bis heute „kostet“? Wer will die „Kosten“ des nächsten GAU tragen, der zum Beispiel im Kernkraftwerk San Onofre am kalifornischen Pazifik droht, das in der Nähe von drei tektonischen Bruchlinien steht und dessen seismische Toleranz für eine Erdbebenstärke von 7 ausgelegt ist? Die Menschheit ist hier und anderswo nur noch bei der Menschheit versichert, und das hat politische Folgen, die über die Vernunft der Brüderles geht. Denn die Politik hat es mit Gefahren in riesigen Dimensionen in Raum und Zeit zu tun, wohin die nukleare Verseuchung dringen kann. Die Raumdimension umfasst die ganze Erde, und die Zeitdimension reicht in eine Zukunft von über zwanzigtausend Jahren hinein. So lange werden die nuklearen Reste in Tschernobyl und künftig in Fukushima weiterschnurren.

Daher erhielt vor gut 30 Jahren der amerikanische Semiotiker Thomas A. Sebeok von der damaligen amerikanischen Regierung den Auftrag, ein Zeichensystem zu entwerfen, das unser Wissen von heute über die Lagerungsorte, über die physikalischen Eigenschaften und gesundheitlichen Gefahren von Atommüll für die lange, eigentlich undenkbare Zeit von vierundzwanzigtausend Jahren sicherstellen könnte. Blicken wir um diese Zeitspanne, die Halbwertzeit von Plutonium, zurück, dann existierte vor zwanzigtausend Jahren eine steinzeitliche Menschenwelt ohne Schrift, ohne Technik, ohne Kultur im heutigen Sinne. Die in jener Zeit gesprochenen Sprachen verstehen wir nicht mehr, ganz abgesehen davon, dass darüber keine Zeugnisse existieren.

Was wird man in zwanzigtausend Jahren noch von uns wissen? Muss man nicht dafür Sorge tragen, dass die Gefahren unserer nuklearen Lagerstätten nicht vergessen werden? Wird man in zwanzigtausend Jahren unsere Schrift noch lesen und unsere Sprachen noch verstehen können? In welche Medien wird man unser Wissen übertragen? Wird man noch DVDs abspielen? Wie kann ein Wissen über so lange Zeit sichergestellt und kontinuierlich auf den neuesten Stand gebracht werden? Über alle diese Fragen sollte Sebeok nachdenken.

Was hat er vorgeschlagen? Er unterbreitete der Regierung die Idee, eine „Atompriesterschaft“ zu gründen. Diese würde einen Orden von Physikern, Semiotikern, Linguisten bilden, die die sichere, redundante, fehlerfreie Verwaltung des Wissens über Lager und nukleare Wüsten in ihre Hände nähmen. Sie trügen die Verantwortung für die ununterbrochene Überlieferung dieses Wissens und hätten das über einen in der menschlichen Geschichte unvorstellbaren Zeitraum hinweg zu gewährleisten.

Wir müssen uns mit dem Unvorstellbaren anfreunden. Es ist freilich nicht rational. Die politischen Warnungen vor den Folgen moderner Technologien und ökonomischer Risiken, von der Gefahren der Energieförderung über die Klimakatastrophe, bis hin zur Gentechnik oder den unkontrollierbaren Finanzmärkten für die gesamte Menschheit stoßen bei den Meistern der Rationalität darum häufig auf taube Ohren, weil sie in das Unvorstellbare hineinragen. Wie ist für diese Vernunft ein Risiko vorstellbar, das in einer Ziffernreihe erst mehrere Stellen hinter dem Komma auftaucht? Das Unvorstellbare haben einst Götter bewirkt; heute sind es katastrophale Wirkungen von Menschenhand. Unser Risikokalkül rechnet mit Wahrscheinlichkeiten aus den vergangenen hundert Jahren. Aber welches Klimaschicksal und welche erdgeschichtlichen Ereignisse stehen in den Chroniken der letzten zwanzigtausend Jahre? Sie gehörten in die Rechnung mit hinein.

Im Falle der fehlerhaften Risikoberechnung haben wir es mit einer Hybris des Kalküls zu tun. Alle Modelle und Risikoberechnungen erfassen nur einen Ausschnitt möglicher Ereignisse, aber sie wiegen die Welt in der Gewissheit, dass sie das „Menschenmögliche“ vorbedacht hat. Es ist pures Glück, wenn die Modellrechnungen, die es uns in der Welt der Gefahren bequem machen sollen, für eine bestimmte Zeit zutreffen. Aber wir führen unvermeidlich immer das Wissen mit, dass es auch anders ausgehen könnte. Nichts kann sich so verheerend auswirken wie die aus Kalkül gehärteten Überzeugungen. Die moderne Kontingenzblindheit bildet den Menschenanteil an der Katastrophe von Fukushima.

Was einmal in Adorno / Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ als moralisches Desaster, als Tragödie der aufgeklärten Moderne beschrieben wurde, lässt sich auf die technologischen und ökologischen Desaster unserer Tage übertragen. Die moderne Gesellschaft ist nicht in erster Linie eine „Risikogesellschaft“, wie sie Ulrich Beck in seinem Klassiker beschreibt, sondern eine Risikovermeidungsgesellschaft. Durch den Willen, die Übel des Lebens zu beseitigen, Arbeit, Armut, Krankheit, Mühsal, Hitze, Kälte, Langsamkeit, die Nacht und den Tod zu überwinden, haben wir eine Welt errichtet, in der immer neue und größere Gefahren lauern. Um uns vor unangenehmen Überraschungen zu schützen, haben wir uns in die trügerische Wohlfahrt von Versicherungen und Prognosen geflüchtet.

Wir haben das Tragische in unserer modernen Welt umbenannt in „Risiko“. Ehe die Übel uns treffen, heißen Krankheit, Tod, Unfall, Krieg in unserer alltäglichen Versicherungssprache „Risiken“. Das Risikokalkül der Assekuranzen haben wir auf unser Leben übertragen. Aber anders als die Computer der Statistiker und Sicherheitsexperten rechnete das antike Fatum, das die Hybris bestrafte, mit Fehlern. Das Orakel von Delphi konnte den Fall der tragischen Helden vorhersagen, weil es mit dessen Fehlern rechnete. In unser Risikokalkül geht aber nicht das Risiko hinein, dass dieses Kalkül fehlerhaft ist. Wenn wir unser modernes Orakel, die Gefahrenprognose, befragen, dann errechnet sie uns nicht die Gefahr, die darin liegt, dieser Prognose zu vertrauen.

Dabei hat uns die Populärkultur mit einigen unberechenbaren Gefahren, die durch die Atommeiler drohen, längst vertraut gemacht. Das erdbebengefährdete Kernkraftwerk San Onofre in Kalifornien war bereits in Kriminal- und Science-Fiction-Romanen das Ziel von Terroristen, Aliens oder der Mafia. In dem Roman „Fallout“ des amerikanischen Autors James W. Huston wollen pakistanische Luftwaffenpiloten eine nukleare Katastrophe herbeiführen. In John Gardners James-Bond-Roman „Licence Renewed“ kann der 007-Held eine Gruppe von Terroristen im letzten Augenblick davon abhalten, mehrere AKWs in ihre Gewalt zu bringen.

Noch glauben Rationalität und Populärkultur, dass nur Terroristen und Verbrechersyndikate die „Feinde der Menschheit“ sind. Längst hat sich ihnen die Hybris des Prognosekalküls hinzugesellt.

Der Autor unterrichtet Germanistik an der Ruhr-Universität Bochum.

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