Meinung : Vertreibung ist nicht nur ein deutsches Schicksal

Das Gedenken an Zwangsaussiedlung und Heimatverlust ist eine europäische Aufgabe – und kein nationales Denkmalprojekt in Berlin

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In die Debatte um das Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin haben sich 72 Politiker und Intellektuelle aus Polen, Tschechien, der Slowakei und Deutschland mit folgendem gemeinsamen Aufruf eingemischt, eine europäische Gedenkstätte zu bauen. Zu den Unterzeichnern gehören neben dem Initiator Markus Meckel (SPD) Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, die früheren Außenminister Polens, Wladyslaw Bartoszewski und Bronislaw Geremek, Tschechiens Vizepremier Petr Mares und Literaturnobelpreisträger Günter Grass.

Seit einiger Zeit gibt es eine vertiefte Debatte über ein dunkles Kapitel europäischer Geschichte des 20. Jahrhunderts – die Geschichte von Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und Deportationen. Ein Aspekt dieser Debatte ist die Frage der Errichtung eines Europäischen Zentrums gegen Vertreibungen. Der Deutsche Bundestag hat in einer Entschließung vom 4. Juli 2002 angeregt, einen europäischen Dialog über diese Frage zu beginnen. In der Mitte Europas wird dieser Dialog inzwischen grenzüberschreitend auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen geführt. In vielen ostmitteleuropäischen Ländern gibt es seit dem Sieg von Freiheit und Demokratie 1989/90 eine rege Diskussion über diese in der kommunistischen Zeit nicht bearbeitete Geschichte.

Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und Deportationen haben in Europa furchtbares Leid über Millionen unschuldiger Menschen gebracht. Erst jüngst wurden während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien mehr als fünf Millionen Menschen wegen ihrer nationalen oder religiösen Zugehörigkeit vertrieben (…) Eine Politik der so g. „ethnischen Säuberung“ zu Gunsten eines homogenen Staatsverbandes hat zu unfassbarem Elend geführt, das immer noch sichtbar und spürbar ist.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden zwischen 50 und 70 Millionen Europäer auf Grund ihrer ethnischen Herkunft, ihres nationalen Bekenntnisses oder ihrer Religion vertrieben, umgesiedelt oder zur Auswanderung aufgefordert, deportiert bzw. zu Fremd und Zwangsarbeit gezwungen. Kulturelle Vielfalt wurde unwiderruflich vernichtet.

Die historischen Zusammenhänge von Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und Deportationen im Europa des 20. Jahrhunderts sind recht verschieden. Das Leid der betroffenen Menschen aber ist sehr ähnlich und vergleichbar. Aus unserer heutigen Sicht sind Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und Deportationen Unrecht und deshalb abzulehnen. Sie setzen elementare Menschenrechte außer Kraft, verletzen das Völkerrecht, führen nicht selten zu Tod und Elend und dürfen deshalb kein Mittel der Politik sein. Vertreibungen sind immer Kollektivstrafen, die weitgehend unschuldige Menschen treffen.

Wir setzen uns für ein Europäisches Zentrum gegen Vertreibungen ein – als Dokumentations-, Forschungs- und Begegnungsstätte. Von entscheidender Bedeutung ist, dass die Konzeption eines Europäischen Zentrums gegen Vertreibungen von Anfang an von verschiedenen europäischen Partnern gemeinsam erarbeitet wird. Auch über den künftigen Sitz einer solchen Institution, ihre Trägerschaft und Organisationsstruktur sollte gemeinsam entschieden werden.

Die Gestaltung eines solchen Zentrums als vorwiegend nationales Projekt, wie es in Deutschland die Stiftung der Heimatvertriebenen plant, ruft das Misstrauen der Nachbarn hervor und kann nicht im gemeinsamen Interesse unserer Länder sein. Es birgt die Gefahr, das Leid der einen gegen das Leid der anderen aufzurechnen und die sehr unterschiedlichen Ursachen und Kontexte von Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und Deportationen zu vernachlässigen.

Angesichts der furchtbaren Geschichte, die uns Europäer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts miteinander verbindet, wäre es ein großer Schritt in unsere gemeinsame Zukunft, wenn es uns im Zuge des fortschreitenden europäischen Integrationsprozesses gelänge, diese Geschichte gemeinsam zu schreiben und uns ihrer gemeinsam zu erinnern.

Wenn es in der Mitte Europas gelingt, in der Erarbeitung einer gemeinsamen Konzeption für ein Europäisches Zentrum gegen Vertreibungen und durch seine Errichtung, uns gemeinsam dieser schwierigen Geschichte zu stellen, wäre dies ein wichtiges Zeichen der Aussöhnung und des gegenseitigen Verständnisses für ganz Europa.

Aus der gemeinsamen Erinnerung erwächst auch ein gemeinsames Ziel: Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und Deportationen sind Unrecht und für alle Zukunft als mögliches Mittel – nicht nur – europäischer Politik zu ächten. Lasst uns diese Arbeit gemeinsamer Erinnerung beginnen und so miteinander an der Zukunft bauen!

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