Verunglückter Höhlenforscher : Ein Riesending im Riesending

Viel wichtiger als die Faszination der Höhlen oder der Horror vor ihnen ist an dem Drama um Johann Westhauser, wie viele Menschen sich seit nun anderthalb Wochen an seiner Rettung beteiligen

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Foto: Reuters

Mit noch etwas mehr Glück hat er es bald geschafft. Johann Westhauser, der 52 Jahre alte Höhlenforscher, könnte schon am Donnerstag wieder Tageslicht sehen – nach anderthalb Wochen in der bayrischen Riesending-Höhle, in der er sein Leben riskiert hat und fast verloren hätte. Eine bewegende, faszinierende Geschichte, weit über die Gruppe derer hinaus, die – wie Westhauser – viel Zeit mit einer sehr gefährlichen Tätigkeit verbringen, mit dem Erkunden von Räumen im Erdinnern. Aber warum bewegend und faszinierend?

Kinder wagen sich in Höhlen, fasziniert von der eigenen Entdeckungslust, animiert von Schatzsuchergeschichten, Märchen, der Lust am Gruseln. Erwachsene lassen das eher – von einer kleinen Community abgesehen, deren Entdeckungslust und Freude am Risiko stärker ist als die Sorge um körperliche Unversehrtheit. Denn wenn es einen erwischt in so einer Höhle, dann garantieren die Kinderabenteuer und Schatzsuchergeschichten, dass die Untergangsfantasien in der Zeit bis zum Tod mit Grauen erfüllt sind: Kein Licht, Kälte, vier bis acht Grad waren es in dem Teil des „Riesendings“, wo Johann Westhauser von einem fallenden Stein schwer verletzt wurde. Womöglich strömt plötzlich Wasser von irgendwoher, weitere Steinschläge drohen. Der Weg zurück ans Licht, der doch eigentlich Fitness und Wendigkeit voraussetzt, wird zur Tortur, wenn er überhaupt möglich ist. Und dann diese Grabesruhe da unten.

Höhlenforscher müssen klettern können wie Bergsteiger – die aber belohnen sich für ihre Strapazen mit grandiosen Panoramen. Andere Höhlenforscher müssen tauchen können, doch anders als Taucher im Meer erschließen sie sich keine Unterwasserwelt, sondern Räume, von Kunstlicht erhellt.

Warum machen sie das? Weil sie Forscher sind, die geologische Fragen beantworten wollen? Weil Höhlen ins Höhlenkataster aufgenommen werden müssen? Weil man als Höhlenforscher unter sehr speziellen Umständen auf Zeugnisse uralter Kulturen stoßen kann? Weil sich nur wenige, richtige Forscher eben, so weit in die Erde hineintrauen in einer Zeit, in der viele andere ohne Smartphone nicht mal die nächste Pizzeria finden? Aus Freude an der Spannung? Die Antwort auf all diese Fragen ist ohne Bedeutung. Menschen tun etwas, das andere erschreckt oder fasziniert. Sie lassen sich in die Stratosphäre schießen und landen mit dem Fallschirm. Sie erklettern mit nichts anderem als ihrem Körper den „Molecule Man“ in der Spree.

Viel wichtiger als die Faszination der Höhlen oder der Horror vor ihnen ist an dem Drama um Johann Westhauser, wie viele Menschen sich seit nun anderthalb Wochen an seiner Rettung beteiligen. Ärzte, die klettern können wie nur wenige, nehmen Todesgefahren auf sich, um Westhauser schnell zurück auf die Erdoberfläche zu bringen, Kletterer steigen hinab in die Höhle, errichten Zwischenlager, helfen beim Transport des Verletzten. Weil sie alle Höhlenfreaks sind, alle etwas verrückt? Eher wohl aus Mitgefühl, einem der stärksten Gefühle überhaupt.

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