Meinung : Verzweifelter Zorn

Zur Berichterstattung über die Katastrophe bei der Loveparade

Duisburg, ach da war doch mal was, richtig, Horst Schimanski, ein etwas unorthodoxer Aufklärer kam von dort. Genau dieser Typus von Aufklärer wäre jetzt dringend vonnöten, um die skandalträchtigen Hintergründe vom 24. Juli restlos aufzuklären. Wie kann es denn bitte sein, dass eine Stadt, die gerade einmal 500 000 Einwohner zählt, partout die Loveparade ausrichten musste? Jedem musste klar sein, nachdem die Stadt Bochum im letzten Jahr auf die Ausrichtung der Loveparade verzichtete, würden in diesem Jahr wieder weit über eine Million Raver teilnehmen.

Genau an dieser Stelle ist der Punkt gekommen, wo verantwortungsvoll handelnde Politiker die Pläne des Veranstalters und das Sicherheitskonzept kritisch zu gewichten hätten. Der Duisburger OB Adolf Sauerland muss sich jetzt die Frage gefallen lassen, was ist wichtiger, der vermeintliche eigene Ruhm oder die körperliche Unversehrtheit von jungen Leuten? Ich war immer ein Verfechter der politischen Verantwortung und bin es auch in diesem Falle, hier trifft sie eben Adolf Sauerland.

Es ist beschämend, wie Politiker jeder Couleur immer wieder Mittel und Wege finden das eigene Fehlverhalten wie einen schwarzen Peter weiterzureichen. Sicher, die Veranstalter wollten, obwohl jetzt wiederholt etwas Gegenteiliges behauptet wird, die schnelle Kasse machen, die Ordnungskräfte vor Ort hätten den Tunnel früher sperren müssen.

Was bleibt, ist der fatale Nachgeschmack des Straftatbestandes der fahrlässigen Tötung, doch ob einer der politisch Verantwortlichen sich dafür je vor den Schranken der Justiz rechtfertigen muss, ich wage es zu bezweifeln.

Klaus-Dieter Dominick,

Berlin-Siemensstadt

Man muss nicht wie Eva Herman gleich den lieben Gott herbeizitieren, der auf der Erde für Ordnung und Moral sorgen soll – dafür sind wir schon selber verantwortlich. Aber man wird fragen dürfen, warum eine Stadt wie Duisburg mit einer Loveparade ihr Image aufpolieren muß. Haben wir der Jugend nichts besseres zu bieten, zum Beispiel einen besseren Platz auf der Pisa-Liste, gute Schulen, gute Universitäten, gute Arbeitsplätze? Und wie Kirsten Heisig schreibt, braucht die Jugend auch Grenzen, die wir setzen müssen, um ihr Halt zu geben und um ihr Leben sinnvoll zu gestalten.

Zum Feiern gibt es viele Plätze und Clubs, die die Jugend sich selbst erobert – dabei braucht sie keine Hilfe. Unsere Aufgabe wäre es, der Jugend mit Hilfe und Kritik beizustehen und sie nicht für Riesenevents zu benutzen, die nur das Versagen der Kultur- und Bildungspolitik vertuschen sollen. Zur Imagepflege empfehle ich Oliver Pocher als Bürgermeister.

Heide Pfütze, Berlin-Nikolassee

Es ehrt Fritz Pleitgen, Leiter des Projekts Ruhr 2010, dass er eine „moralische Mitverantwortung“ übernimmt für das Geschehen in Duisburg. Etwas anderes sollte ihm aber auch zu denken geben, der Hang zu Gigantismus, mit immer mehr Besuchern und immer größeren Events, oft noch für einen albernen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde, hat kaum etwas mit Kultur und erst recht nichts mit Kunst zu tun.

Nur ist an diesem Samstagnachmittag des 24. Juli 2010, auch etwas anderes widerlegt worden, nämlich die pathetische Phrase vom „Zusammenhalt des Ruhrgebiets“. In Kenntnis der Katastrophe lief in Essen, der Nachbarstadt von Duisburg, kaum 20 Kilometer entfernt, das Grugafest auf seinen Höhepunkt zu, um mit einem furiosen Feuerwerk gegen Mitternacht zu enden, anscheinend nach dem Motto: „Feiern im Ruhrpott – ein Wert an sich“. Ich nenne dies ganz einfach nur Empathielosigkeit pur.

Michael Mohr, Köln

„Zwischen Bayreuth und Duisburg /

Die kalte Schulter“ von Rüdiger Schaper

vom 28. Juli

Rüdiger Schaper bringt es auf den Punkt. Die Regierung ist nicht Teil des Volkes und schon gar nicht ihr „erster Diener“ in dem Maße, wie es Friedrich der Große verstand.

Der Katastrophe von Duisburg folgte die übliche Betroffenheitsrhetorik. Dort das reflexartige Verhalten „Wie rette ich meine Haut“, von Regierungsseite kein Gespür für das, was nötig, wichtig gewesen wäre. Bei den Bürgern, Opfern, Angehörigen, Teilnehmern an der Loveparade verzweifelter Zorn angesichts eines Totalversagens in diesem kalten Land.

Angelika Oden, Berlin-Zehlendorf

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