Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Sich den Idiotie-Preis der Sonderklasse teilen und in die Mitte wandern

Zum Abschluss des Jahres: Welcher Politiker hat Sie weltweit am meisten beeindruckt?

Doraja Eberle, die hier fast niemand kennt. Sie war bis vor kurzem Landesrätin (Ministerin) in Salzburg und ist eine Cousine von Guttenberg. Warum? Weil sie keine Eigenschaft, die wir an einem Menschen schätzen, dem Politikerdasein geopfert hat (von A wie „aufrichtig“ über H wie „Humor“ und T wie „Temperament“ bis Z wie „zuverlässig“). Außerdem hat sie im Balkankrieg ganz ohne Trara eine private Überlebenshilfe für die Geschundenen („Bauern helfen Bauern“) aufgezogen, die noch heute funktioniert. Eine erfolgreiche Politikerin war sie trotzdem – also eine unmögliche Kombination. Oder doch nicht? Obwohl die populäre Eberle nach dem Tod von Mutter und Schwester ganz freiwillig zurückgetreten ist, werden wir von ihr noch hören, und das ist gut so.

Wer war die größte Niete?

Mahmud Abbas, Palästinenserpräsident, und Benjamin Netanjahu, Israels Premier. Dieser hat Obama ein 90-Tage- Baumoratorium abgeschlagen – als hätte der Israel um die Abtretung der Bundeslade gebeten. So behandelt man seine besten Freunde nicht – eine Idiotie der Sonderklasse. Den ISK-Preis teilt „Bibi“ sich allerdings mit Abbas, der das Zehn-Monate-Moratorium davor dazu benutzt hatte, ernsthafte Gespräche über das Wie und Wann von zwei Staaten zu vermeiden. Es gilt das alte Wort: Die Palis lassen keine Gelegenheit aus, eine Gelegenheit auszulassen. Deshalb geht „Niete des Jahres“ an beide.

In wem haben Sie sich am meisten getäuscht?

Obama. Der hat seinen knappen Wahlsieg als Mandat für den sozialdemokratischen Umbau Amerikas missverstanden und wurde dafür in den Zwischenwahlen heftigst abgestraft. Nach wenigen Wochen hat sich O. vom Ideologen zum Pragmatiker gemausert, der Volkes Stimme respektiert und in die Mitte gewandert ist. Das ist Demokratie. Sein Erfolgsquotient ist kräftig angestiegen, seine Wiederwahlchance auch.

Ein vielleicht letztes Wort zum derzeitigen Außenminister.

Drei Worte. Erstens wünscht sich der deutsche Mensch Politiker, die zumindest den Staatsschauspieler mimen können – mit sonorer Stimme und gravitätischem Auftritt. Zweitens schätzt er letztlich keine Parteien, die für weniger Staat und mehr Markt plädieren. Aber große Koalitionen mag er auch nicht, und nur deshalb hat die FDP 2009 15 Prozent bekommen. Drittens: Der tödliche Fehler von Guido W. war es, die 15 Prozent mit einem Liebesbeweis für sich selber und einem Mandat für seine Partei zu verwechseln. Das ändert nichts daran, dass D eine liberale Stimme braucht. Also bitte etwas mehr Ernsthaftigkeit; das gilt für die gesamte Partei, die sich gerade selber zerlegt.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

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