Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

ZEIT-Herausgeber Josef Joffe macht sich Gedanken über den Teflon-Orden 1. Klasse für Guttenberg und erläutert, warum die Türkei nicht als Modell für die Maghreb-Staaten taugt.

Joffe
"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.Foto: promo

Massaker und Gewalt in Libyen: Soll der Westen militärisch eingreifen?

Wer in einen Bürgerkrieg eingreift, sollte vorher genau nachdenken. Stützt er die eine Seite, verliert (vielleicht) die andere. Oder umgekehrt. Oder er gerät zwischen beide Fronten und muss gegen beide kämpfen. Gaddafi ist ein blutrünstiger Psychopath, also weg mit ihm. Aber im Bürgerkrieg der Stämme und Armeeteile sind Gut und Böse nicht so leicht auszumachen. Auf jeden Fall: Wer eingreift, muss bleiben – mit sehr langem Atem. Bloß mögen westliche Demokratien endlose und unentschiedene Kriege nicht, nicht einmal, wenn schnöde materielle Interessen (Öl, Flüchtlingsabwehr) die humanitäre Pflicht verstärken.

Causa Guttenberg: Ist es richtig, dass der Verteidigungsminister im Amt bleibt?

Über den ist schon alles von allen gesagt worden, und mehrfach. „WmdW“ wundert sich inzwischen mehr über die fränkische Uni Bayreuth und die Vox pop als über Guttenbergs Gedächtnislücken und dessen kreative Zitierarbeit. Wie konnte Bayreuth dieser Diss ein „Summa“ verleihen? Antwort A: Guttenberg ist Franke, danke. Antwort B: Beim Dr. jur. nimmt man es nicht so genau; das ist häufig eine Fleißarbeit, keine Dissertation, die eine originelle These aufstellt und sie fakten- und gedankenreich untermauert. Das Volk? Das hat KT mit dem „Teflon-Orden 1. Klasse“ geehrt; wer ihn hat, kann nichts falsch machen. Warum aber sollte man einen Politiker nach anderen Maßstäben messen als einen Studenten, der ein Dutzend Bücher aus der Bibliothek klaut? Bei einem falschen Dr. med. würden Volk und Standesorganisation nicht so begeistert sein.

Taugt die Türkei – Islam plus Demokratie – als Modell für den Maghreb?

Theoretisch ja, praktisch nein. Bevor die Erdoganisten die absolute Mehrheit gewannen, hatte die Türkei seit Atatürk 80 Jahre lang Modernisierung, (holprige) Demokratisierung und seit ca. 1980 Wachstum erlebt. Diese Fundamente gibt es weder im Maghreb („Westen“) noch im Maschrek („Osten“ – Kairo bis Riad). Der Tyrannensturz ist nur der erste Schritt; dann beginnt die mühselige „Kleinarbeit“: Zivilgesellschaft, demokratische Parteien, Rechtsstaat, Minderheitenschutz, Öffnung zur Welt, freie Medien und freie Märkte. Lauter Gegengewichte, welche die Machtergreifung eines neuen Tyrannen vereiteln.

Ein Wort zum Außenminister …

Der holt sich in Kairo und Tunis den Applaus, den er daheim nur spärlich genießen durfte. Draußen ist es immer wärmer als drinnen, das wussten die Außenminister Fischer und Genscher so trefflich zu nutzen. Wer Tritt fasst, stolpert nicht – und kriegt die Schlagzeilen mit dazu.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Die Fragen stellte Moritz Schuller.

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