Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Die Welt lässt Moskau wählen, könnte sich wegen Lemberg melden und twittert statt zu arbeiten.

Josef Joffe
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"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.Foto: promo

Amerika und Europa verhängen Sanktionen gegen Russland – was bringt das?

Kurzfristig gar nichts. Man kann eine Eroberung nicht durch ein paar Reiseverbote für Putin-Unterlinge ungeschehen machen. Sanktionen müssen schmerzhaft und langfristig sein. Schmerzhaft: Russland ist ein Entwicklungsland mit Atombomben, das am Energiepreis hängt. Im Jahr des Mauerfalls, als Moskau sein Imperium verlor, lag der Ölpreis real wieder so tief wie bei der ersten Ölkrise (1973). Wir leben in einer Zeit des kommenden Energieüberflusses – nicht gut für Neo-Imperialisten, Scheichs und Autoritäre. Langfristig müssen Sanktionen Moskau vor die Wahl stellen: rein in die Gemeinschaft der Nationen, also mit Handel, Wissentransfers, Verantwortung für eine halbwegs ordentliche Welt. Oder draußen bleiben.

Putin will es dem Westen angeblich heimzahlen. War Russland von Nato und EU eingekreist worden?

Wo wäre das? Im Osten, wo China, Indien und Japan für die Nato arbeiten? Im Süden, wo die Ex-Sowjetrepubliken, die auf „-stan“ enden, waffenstarrende Bastionen der EU sind? Im Norden, von wo die Eismassen der Arktis dräuen? Im Westen, wo der Kreml Länder in die Freiheit entlassen musste, die Stalin sich im/nach dem Zweiten Weltkrieg in neo-kolonialistischer Absicht einverleibt hatte? Russland hat sich seit Peter dem Großen selber eingekreist, indem es sich unaufhörlich ausdehnte – so um ein Belgien pro Tag bis auf 17 Millionen Quadratkilometer. Wer expandiert, ist nicht Opfer, sondern Täter. Dass ein Land seine Nationalitäten heimholen will, ist Selbstermächtigung, nicht Selbstverteidigung. Apropos „zurückhaben“: Österreich, bitte melden wg. Prag, Budapest, Lemberg und Krakau. Und Polen wg. der heutigen West-Ukraine.

Von Barack Obama hört man erstaunlich wenig. Warum?

Was ist die Krim im Vergleich zum Verlust der Macht in Amerika? Wenn die Republikaner 2016 den richtigen Kandidaten aufstellen, werden sie den Senat und das Weiße Haus erobern (das Unterhaus haben sie schon). Seine Gesundheitsreform zerfällt ihm unter den Händen, sein Rückzug aus der Weltpolitik (vor allem aus Europa) hat Putin wunderbare Gelegenheiten geliefert. Die Historiker werden als Obamas höchste Leistung nur feiern, dass dieser erste schwarze Präsident einen Schlussstrich unter das dunkelste Kapitel der amerikanischen Geschichte gezogen hat: Sklaverei und Rassendiskriminierung.

Ein Wort zu Erdogans Twitter-Verbot …

Sehr cool. Twitter nervt auch WmdW – dieses endlose Hintergrundrauschen, das täglich Trillionen von Elektronen in Unruhe versetzt. Die Leute sollten endlich mehr arbeiten und weniger tippen. Und der Preis ist heiß: Jetzt wird die Türkei so stabil und wohlgeordnet wie Iran und Nordkorea.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: Moritz Schuller.

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